10 Jahre nach Lehman: ein Bild der Finanzindustrie

(Foto: SergeyNivens/ depositphotos.com)

Im September 2018 ging die amerikanische Lehman-Bank Pleite und riss – vereinfacht gesagt – die Welt in eine jahrelange Finanz-, Wirtschaft und schließlich Schuldenkrise. Zahllose Beiträge in den Medien erinnerten letzten Monat daran. Kaum eine Industrie veränderte sich in den letzten zehn Jahren so stark wie die Finanzbranche, deren Image stark angeschlagen war – aufgrund der allgemeinen Rolle in der Krise, aber auch wegen komplizierter Affären wie dem LIBOR-Betrug oder hoher Managerboni.

Aus Angst vor Ansteckungsgefahr in einer vernetzten Wirtschaftswelt – unter dem Stichwort „too big to fail” standen die Regierungen in vielen Ländern ihren Banken in und nach der Krise bei und unterstützten sie mit hohen Geldbeträgen. Allein in den USA warf die Regierung in der heißen Phase 700 Milliarden Dollar auf den Markt.

Doch die Banken hatten mehr als nur Geld verspekuliert – sie hatten das Vertrauen der Öffentlichkeit eingebüßt.

In den USA und Europa reagierten die Gesetzgeber deshalb mit einer gesamten Palette neuer Regulierungen und Vorschriften, auch um Liquiditätsproblemen vorzubeugen und die Kunden besser zu schützen. In den USA wurde das Dodd-Frank Gesetz erlassen, mit dem Ziel von mehr Stabilität des US-Finanzmarkts durch mehr Transparenz im System und durch die Beendigung des faktischen Zwangs zur Rettung von systemrelevanten Finanzdienstleistungsunternehmen. Zudem verabschiedet wurde die Volcker-Rule, die bestimmten Banken und ihren Konzerngesellschaften den Eigenhandel in den meisten Wertpapieren oder Derivaten und die Anlage in bestimmte Fonds verbietet. In Europa wurden die verschiedenen Richtlinien und Normen zur Regelung der Finanzindustrie mit Abkürzungen wie MiFID II, EMIR, MiFIR oder Basel III novelliert.

Vor allem die Geschäftsbanken haben versucht, ein neues Image aufzubauen. In der Werbung für die Zielgruppe der Inhaber von Girokonten und Abnehmer von Kleinkrediten geben sich als freundlicher Partner aus, der leicht zu handhabende und schnelle Dienstleistungen anbietet.

Der Alltag der Banken steht unter dem Zeichen größerer Vorsicht, aber die gewaltigsten Veränderungen in der Geldbranche sind technologischer Natur. Als 2008 die ersten Anzeichen einer Finanzkrise in den USA deutlich wurden, schafften Apple iPhones erst seit kurzer Zeit eine stabile 3G-Internetverbindung und das Betriebssystem Android vom Konkurrenten Google steckte noch in den Kinderschuhen. Das Zeitalter der Smartphones war erst angebrochen.

Heute sind die Geldflüsse auch im Retail-Banking größtenteils digitalisiert – selbst in einem ärmeren Land wie Rumänien entscheiden sich immer mehr Menschen für moderne Zahlungsmittel. So viele, dass Banken wie ING sich entschieden haben, ihre Kassendienstleistungen in Kürze nur noch automatisiert durch Bargeldroboter anzubieten.

Die Statistik der rumänischen Zentralbank in Bukarest spricht diesbezüglich Bände. Kartenzahlungen summierten sich in der ersten Hälfte von 2018 auf umgerechnet acht Milliarden Euro – das sind rund 33% mehr als in den ersten sechs Monaten von 2017. Rumänische Konsumenten haben dafür zwischen Januar und Juni 2018 zwar umgerechnet 20 Milliarden Euro Bargeld aus den Bankautomaten gezogen – aber das waren nicht einmal 15% mehr als im Vergleichszeitraum von 2017. Zwar wird immer noch vergleichsweise mehr Geld vom Automaten abgehoben, als mit Karten bezahlt wird, aber die Differenz wird immer geringer.

Wenn es um die Bezahlung von Rechnungen geht, ist in Rumänien das Smartphone sowieso König. Von den Personen aus Rumänien, die in einer Umfrage von ING angaben, ihr Telefongerät für Finanzdienstleistungen einzusetzen, bezahlten 43% ihre Rechnungen mit dem Smartphone – in Deutschland waren es nur 36%.

Übrigens Smartphones: in den letzten Monaten wurde es für die Kunden der Banca Transilvania und der ING auch möglich, bei Einkäufen direkt mit dem Telefongerät zu bezahlen, ohne dass eine Karte nötig ist. Voraussetzung ist jedoch, dass das Gerät mit der sogenannten NFC-Technologie kompatibel ist. Und auch die Grande Dame der rumänischen Bankindustrie, die Sparkasse CEC, setzt auf High-Tech: Kunden, die die Mobile-Banking-App der CEC benutzen, können sich seit September auch über Facial Recognition ins System einloggen – wenn sie ein iPhone X haben.

Eine zunehmende Anzahl von Kunden bedient sich des rumänischen Pendants der andernorts seit langer Zeit etablierten Einziehungsermächtigung – über das sogenannte Direct Debit rechnet allein die Raiffeisen Bank Romania drei Millionen Zahlungen im Jahr an verschiedene Dienstleister und Versorger ab. Insgesamt wurden bei allen rumänischen Banken letztes Jahr 11,5 Millionen Vorgänge in diesem System durchgeführt, 6,5% mehr als 2016. Der Gesamtwert der Transaktionen lag leicht unter 11 Milliarden Lei (2,3 Mrd. Euro) – das sei, so die rumänische Notenbank, etwa acht Mal mehr als noch vor zehn Jahren.

Die neue Technologie beeinflusst nicht nur den bargeldlosen Verkehr, sondern zunehmend auch das Kreditgeschäft – Banken bieten über mobile Plattformen immer mehr Standarddarlehen an.

Die rumänische Bankbranche ist heute solider und gesünder und somit krisenfester als vor zehn Jahren, das zeigen auch die Zahlen für das erste Semester 2018. Der kumulierte Reingewinn lag bei 3,6 Milliarden Lei, umgerechnet etwa 775 Millionen Euro – das sind 33% mehr als im ersten Halbjahr von 2017. Das Kreditgeschäft verbessert sich, die Bilanzen wurden von faulen Krediten gesäubert. Der Wert der Vermögensposten aller Banken stieg zum Ende des Monats Juni um neun Prozent im Vergleich zum selben Stichtag 2017 auf fast 435 Milliarden Lei. Die Gesamtkapitalrendite verbesserte sich um über ein Fünftel auf 1,66%, die des Eigenkapitals stieg genauso stark an und lag Ende Juni bei 15,7%.Und während die europäischen Vorschriften Banken zu einer Solvabilität von mindestens 8% zwingen, bewegen sich die rumänischen Geldinstitute bei rund 20%.

Ist diese Finanzwelt mit ihren gesünderen, stark automatisierten Banken aber vor neuen Krisen gefeiht?

Die Frage ist schwer zu bejahen. Denn die Banken sind nicht die einzigen, die sich auf dem Finanzmarkt bewegen – das unregulierte Phänomen Shadow Banking gibt heute den Experten Sorgen auf.

Besonders auf dem Kreditmarkt sind auch in Rumänien viele sogenannte Nichtbanken-Dienstleister aktiv – sie agieren als Kreditgeber besonders für kleine Unternehmen und private Haushalte; sie verlangen weniger Garantien und berechnen dafür höhere Zinsen. In einem Analysepapier (Financial Sector Stability Assessment), das sie im Juni 2018 vorlegten, weisen Experten des IWF für Rumänien auf die Gefahr hin, dass eine makroökonomische Trendwende die Fähigkeit der Haushalte, ihre Schulden zu zahlen, negativ treffen und den Anteil fauler Kredite auch auf diesem Sektor erhöhen könnte. Selbst wenn Banken nicht direkt an eventuellen Problemen beteiligt sind, so könnte ihr Image dennoch in Mitleidenschaft gezogen werden.

Dazu kommt, dass der Wunsch nach schneller Bereicherung bei nicht wenigen Menschen durchaus noch vorhanden ist. Die Lektion von 2008 wurde schnell verlernt. Der Ruf nach Deregulierung wird insbesondere in den USA immer lauter, aber Asset bubbles sind auch in Europa weiterhin möglich, wenn auch schwer von normalen positiven Entwicklungen, beispielsweise im Immobiliensektor zu unterschieden.

Zu bedenken gibt, insofern es sich um den Finanzsektor handelt, auch die steigende Popularität von extrem volatilen, kaum übersichtlichen Anlagen wie Bitcoins – vor allem vor dem Hintergrund der bisherigen Niedrigzins-Politik mehrerer Zentralbanken.

Rumänien ist, wie eine Studie der ING zeigt, an vorderster Front. Mit Ausnahme der Türkei sitzen hier anteilsmäßig die meisten Bitcoin-Anleger aus den 15 Ländern der Studie. 12% der rumänischen Befragten gaben an, schon Bitcoins gekauft zu haben – in der Türkei waren es 18%. In Deutschland, Österreich und den USA waren jeweils nur 8%. Allerdings warnen die Autoren der Studie, dass die Ergebnisse dadurch verzerrt werden könnten, dass in der Türkei und möglicherweise auch in Rumänien besonders jüngere Leute befragt wurden, die medien- und technikaffiner sind.

In Zukunft können sich nach der gleichen Studie 38% der rumänischen Konsumenten vorstellen, Bitcoins zu kaufen, in der Türkei waren es 45%. Auch aus dieser Hinsicht zeigten sich Deutsche (21%) und Österreicher (19%) konservativer.

Für 41% der Personen in Rumänien, die mit Bitcoins umgehen oder sogar nur davon gehört haben, sind Bitcoins die Investition der Zukunft und 45% von ihnen gingen zum Zeitpunkt der ING-Umfrage Ende März 2018 davon aus, dass ihr Wert in den nächsten 12 Monaten steigen wird. In Deutschland waren es nur 25% bzw. 29%, in Österreich sogar noch weniger: 17% bzw 22%. Die Optimisten werden zumindest im Moment eines Besseren belehrt – ein Bitcoin kostet am 25. März noch 6.930 Euro, am 25. September lag der Kurs bei gerade 5.460 Euro. Im Januar erreichte der Kurs 13.846 Euro für eine Bitcoin-Einheit.

Wie hoch die Risikobereitschaft in einem Land wie Rumänien ist, zeigt auch der Anteil der Menschen, die nie in Bitcoins investieren würden – er liegt mit 18% deutlich niedriger als in Deutschland mit 37% oder Österreich 44%.

Alex Gröblacher

Romania
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