Alles teurer, oder was?

(Foto: AndreyPopov/ depositphotos.com)

Die Prognose des Internationalen Währungsfonds zur Lage in Venezuela muss man sich wirklich in der vollen Absurdität der Zahlen auf der Zunge zergehen lassen – Anfang Oktober prophezeiten die Experten, dass die Jahresinflationsrate im südamerikanischen Land bei über 1,37 Millionen Prozent liegen wird. Noch im Januar rechnete der Fonds mit nur 13.000 Prozent, im Juli ging er von einer Million Prozent aus. Auf welche Weise und ob überhaupt sich der Petro, die in Caracas geplante neue Währung auf die wirtschaftliche Lage auswirken wird, ist unmöglich vorauszusagen. Denn das Land wird nicht nur von Inflation geplagt, sondern auch von einem dramatischen Misere: Der Rückgang der Wirtschaftsleistung lag bei über 18% – und das allein 2018.

Wie es ist, in einem Land mit solchen Teuerungsraten zu leben, kann man sich heute in Europa nur schwer vorstellen. Es gibt heute wohl kaum jemanden, der die Hyperinflation in der Weimarer Republik zwischen 1921 und 1923 am eigenen Leib erlebt hat. Die Schwarz-Weiß-Bilder von damals kann man immer noch im Internet finden: Kinder, die mit wertlosen Bündeln Geld spielen, Brot, das Milliarden kostet, Marktfrauen mit Körben voller Geld. Der Unterschied zu heute? Farbfotos.

Doch um Schieflagen zu entdecken, die in der Tat weniger extrem ausfallen, muss man weder zu lange in die Vergangenheit, noch nach Südamerika reisen. Es reicht ein Blick in die Türkei, 50 Flugminuten entfernt von Bukarest. Dort hat die amtliche Statistik für September 25% Jahresinflation gemeldet, die höchste der letzten 15 Jahre. Die Menschen trifft es hart – die Lebensmittelpreise stiegen im Jahresvergleich um über 27%, allein gegenüber August waren sie im September um mehr als 6% höher. Manche Dienstleistungen waren noch teurer: um über 9 Prozent stiegen beispielsweise die Transportpreise im September im Vergleich zum August, die Jahresteuerung lag bei ungefähr 37%.
Es ist nicht leicht, einen einzigen Auslöser für die Situation zu erkennen, vielmehr ist es ein gesamter Komplex. Auf den Putsch gegen Recep Tayyip Erdo?an im Sommer von 2016 folgte eine Zeit politischer Unsicherheit, mit massiven Verhaftungswellen, die Verwaltung, Politik und Justiz trafen. Der wirtschaftliche Aufschwung der letzten Jahre ist durch Anleihen finanziert worden, die das Haushaltsdefizit und vor allem das Leistungsbilanzdefizit belasteten. Das setzte dann die Währung unter Druck – die türkische Lira verlor im Vergleich zu Euro und Dollar fast die Hälfte ihres Wertes, was eine ausgeprägte Flucht in Devisen auslöste. Präsident Erdo?an, der sich in die Währungspolitik seines Landes einmischt wie es keine westliche Regierung tut, sprach sich schon immer gegen Leitzinserhöhungen aus – Zinsen sind die Ursache, Inflation ist die Folge, lautet seine Einstellung. Erst im September gelang es der türkischen Notenbank, den Leitzins um 625 Basispunkte auf 24% zu erhöhen, um gegen die Inflation anzukämpfen. Dazu kommen Probleme mit den USA nach der Festnahme eines evangelikalen Pastors, wobei Washington Sanktionen und Importzölle gegen Ankara verhängte. Plus steigende Ölpreise, die eine von Energieimporten abhängige Wirtschaft schwächen.

Ein solcher Mix von Faktoren ist – in bestimmten Grenzen – auch in Rumänien anzutreffen: Die politische Situation ist aufgrund von Maßnahmen in der Justiz volatil, die EU-Kommission äußert sich besorgt über den Rechtsstaat. Das Handelsdefizit hat sich nach Daten der Notenbank BNR in den ersten acht Monaten um 14% auf fast neun Milliarden Euro vergrößert; das Leistungsbilanzdefizit stieg sprunghaft um fast 39% auf über 5,8 Milliarden Euro an. Immerhin hat die Zentralbank mehr Freiheit – seit Jahresanfang erhöhte sie den Leitzins drei Mal um je 0,25%, so dass er heute bei 2,25% liegt. Auch gelang es der Zentralbank, den Wechselkurs relativ unter Kontrolle zu halten.

Doch die Zentralbank kann die Regierung nicht von ihrem Rezept abbringen. Die Sozialdemokraten von der PSD und die Liberal-Demokraten von der ALDE sehen ihr Heil im sogenannten wage-led Growth, also im von Lohnanstiegen getriebenen Wachstum. Nur steigen die Löhne rascher als die Produktivität und somit wird auch die Inflation befeuert. Am 1. Februar war der Mindestlohn auf 1450 Lei brutto erhöht worden, am 1. Januar dieses Jahres auf 1900 Lei. Die nächste Anhebung des Mindestlohns war für Anfang nächsten Jahres angedacht, doch gab es Überlegungen, die Maßnahme schon ab November einzuführen – der neue Mindestlohn soll auf 2080 Lei steigen und zwar – zum ersten Mal – differenziert nach Ausbildung und Dienstalter. Für etwa eine Million Beschäftigte mit Hochschulabschluss und 15 Jahren Dienstalter soll der Mindestlohn um 20% höher liegen als für den Rest des Arbeitnehmerheeres. Aber in den letzten rund zwei Jahren unter der Regierung von PSD und ALDE stiegen nicht nur die Mindestlöhne. Im Gesundheitswesen, dem Bildungssektor und in der Verwaltung wurden die Verdienste großzügig um bis zu dreistellige Prozentsätze angehoben. Zwischen August 2017 und August 2018 stiegen die Bruttolöhne in Rumänien im Durchschnitt von 3290 Lei auf 4449 Lei. Doch in Bildung und Gesundheit waren die Lohnanstiege noch ausgeprägter. Verdiente das Personal in der Bildung im August 2017 im Schnitt noch 3110 Lei brutto im Monat, kletterten die Löhne in der Branche im August auf 4475 Lei. Zu den Gewinnern gehörten auch die Beschäftigten in den Gesundheitsdienstleistungen: hier kamen die Bruttolöhne in einem Jahr von 3753 Lei auf 5911 Lei, wobei die Statistik auch den Bereich Sozialfürsorge umfasst. Spektakulär fielen auch die Lohnerhöhungen in der Verwaltung aus. Im Schnitt stiegen die monatlichen Bruttobezüge von 5412 Lei auf 7164 Lei. Selbst wenn die Regierung bei der EU-Kommission die Absicht signalisiert hat, die Löhne im öffentlichen Dienst in 2019 einzufrieren, ist ein Ende der Lage nicht abzusehen, denn vor dem Hintergrund der Personalkrise in der Wirtschaft ist tendenziell eher mit steigenden Löhnen zu rechnen.

Ein starker Inflationsdruck entsteht auch von den Altersbezügen – das neue Rentengesetz verursacht in den nächsten vier Jahren Mehrkosten von insgesamt über 170 Milliarden Lei, mehr als 36 Milliarden Euro.

Doch die beeindruckenden Gewinne wurden teilweise von den wieder ansteigenden Preisen ausgehebelt. Zum achten Monat in Folge wurde in Rumänien die höchste Jahresinflation in der Europäischen Union gemessen. Nach dem harmonisierten Konsumpreisindex berechnet, erreichte sie im September 4,7%, ein Prozentpunkt mehr als in Ungarn, das den vorletzten Platz belegt. Nach Kalkulation des Statistikinstituts wurde fast alles seit Jahresanfang teurer: Gemüse, Obst, Heizung, Gas, Postdienstleistungen, Restaurantbesuche.

Diese Konstellation, in der konstant steigende Löhne und Rente fast sofort von der Inflation aufgefressen werden, ist noch frisch in der Erinnerung vieler Rumänen, die die 1990er Jahre in vollem Bewusstsein miterlebt haben. Monatlich wurden Löhne um 10-20% angehoben, bis jeder Beschäftigte zweistellige Millionenbeträge nach Hause tragen durfte und nicht wenige Milliardäre waren.. Doch je schneller die Geldstapel wuchsen, desto schneller verloren sie an Wert. Vor allem weniger anpassungsfähigen älteren Menschen schmolzen die Ersparnisse in wenigen Jahren wie Butter in der Sonne weg. Das Vertrauen in die Landeswährung brach zusammen, jeder versuchte, sich in Hartwährung – Dollar oder D-Mark – zu retten. Von der Lage profitierten Ponzi-Betrüger, die mit sagenhaften Zinsen Kunden aus dem ganzen Land anlockten, um sich dann mit dem Geld aus dem Staub zu machen. Damalige Zustände sind heute eher unwahrscheinlich, aber sie sollten als Warnung dienen, die Inflation nicht aus dem Blick zu verlieren.

Rumänien ist mit dem neuen Trend kein Einzelgänger in Europa. Die Inflation ist in der Europäischen Union generell und auch in der Eurozone wieder angekommen. In der Eurozone lag die Jahresinflation im September bei 2,1%, in der EU bei 2,2%, meldete Eurostat. Ein Jahr früher wurden sie bei 1,5% bzw. 1,8% gemessen, meldete Eurostat.

Aber nicht nur die Konsumpreise steigen. Im Vergleich zu August 2017, lagen die Industriepreise im August 2018 in den 19 Ländern der Eurozone um 4,2% höher, in den 28 EU-Ländern sogar um 4,7%. In manchen Ländern haben die Industriepreise besonders stark angezogen – in Norwegen um 12,7%, in Dänemark um 10,3%, in Belgien um 9,5%, in Ungarn um 8,4%, in den baltischen Ländern um etwa 7%. Größter treibender Faktor ist dabei die Energie. Sie verteuerte sich in den Ländern der Eurozone um 12%, in der EU-28 sogar um 15%. Wird die Energie ausgeklammert, ist die Zunahme der Industriepreise eher bescheiden.

Für Rumänien meldete Eurostat eine Jahresteuerung von 5,9%. Nach Daten des rumänischen Instituts für Statistik wurde Energie zwischen August 2018 und August 2017 um rund 14% teurer, Zwischengüter kosteten etwa 6% mehr.

Die Zeichen stehen heute fast überall auf Teuerung. Die neue Mode aus den USA, vermeintliche und echte Gegner mit Handelszöllen zu belegen, wirkt sich ebenfalls preistreibend aus. Und auch die Perspektive, dass zwischen EU-Ländern und Großbritannien in absehbarer Zukunft Handelsschranken und Zölle existieren werden, ist nicht gerade beruhigend. Die Ölpreise steigen, viele Volkswirtschaften in Europa ächzen unter Fachkräftemangel und müssen höhere Löhne zahlen. Zinsen werden allmählich auch höher. Aber nach einer langer Zeit der geringen Inflation oder sogar der Deflation ist die neue Entwicklung vielleicht auch gewissermaßen eine normale Entspannung.

Alex Gröblacher

Romania
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