Bewusst und achtsam mitspielen

Business People and Jigsaw Puzzle Pieces
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Wir haben in den vergangenen Beiträgen über Unterneh­mensspiele und Rollen gesprochen. Im Grunde haben wir uns seit der Zeit der Sandkastenspiele als Kind nicht viel verändert; unsere Spiele sind in der Zwischenzeit nur komplexer geworden. Was können Sie nun konkret tun, um mit Ihren Spielen in der Firma besser umzugehen, ja sie vielleicht zu Ihrem eigenen Vorteil zu nutzen?

1. Allein die Tatsache, dass Sie bewusster werden und mitspielen, bringt schon fast automatisch eine Veränderung mit sich. Was heisst bewusster? Sie erkennen als geschulter Beobachter viel besser, ob destruktive oder konstruktive Spiele gespielt werden, ob sie das, was gespielt wird, überhaupt wollen oder müssen. Nehmen wir das Beispiel des Spiels „Mobbing“. Es ist ein destruktives Spiel, bei dem ein Mitarbeiter permanent schlecht gemacht wird. Wenn Sie selbst der Betroffene sind, halten Sie kurz inne und beobachten ihr Spielfeld. Fragen Sie sich, warum gerade Sie in diese Situation geraten sind, dass andere mit Ihnen ein solches Spiel spielen. Schauen Sie genau auf Ihr mögliches Gefühl der Minderwertigkeit, auf Ihre Opferrolle, die Sie schon so lange in Ihrem Leben spielen. Genau das hat womöglich dieses destruktive Spiel angezogen, etwa so wie das Metall von einem Magneten angezogen wird. Vielleicht nehmen Sie diese Situation zum Anlass, bei sich etwas zu verändern, dann werden Sie sehen, dass sich auch das Spiel verändert. Je mehr Sie bewusst werden, desto mehr Wahlmöglichkeiten tun sich auf, Spiele anders zu spielen, oder sogar neue Spiele in Ihre Firma zu bringen.

2. Viele Spiele, die Sie in der Firma spielen oder spielen müssen, verursachen Stress. Lassen Sie daher das Spiel zwischendurch einfach für einige kurze Momente ruhen und bleiben bei sich oder mit anderen in Stille. Sie ziehen praktisch den Stecker des Flippers für wenige Momente heraus und signalisieren sich und anderen, dass wir eigentlich nur ein Spiel spielen. Wenn Sie dann wieder loslegen, haben Sie ein anderes Verständnis gewonnen. Einfach in schwierigen Spielsituationen eine Pause machen, kann Wunder bewirken. Es gibt sogar Firmen, die bewusst mit eingeschobener Stille arbeiten, um an tiefere Erkenntnisse und Weisheiten zu gelangen. Fällt es Ihnen schwer, einfach mal still zu sein, oder ist Ihnen das zu abstrakt, dann versuchen Sie es mal mit folgender Übung:

Bitte schließen Sie die Augen und konzentrieren Sie sich auf Ihren Atem, nehmen Sie wiederholt ruhige Atemzüge – ein und aus, ein und aus … Wählen Sie einen Moment und atmen einmal ganz tief ein und langsam wieder aus, bis Ihre Lungen vollständig leer sind. Halten Sie kurz an und atmen Sie nicht sofort wieder ein: Nehmen Sie einfach nur diesen Moment der Leere wahr. Atmen Sie erst dann, wenn Sie es nicht mehr aushalten können, wieder ein. Wiederholen Sie diese Übung mehrere Male. Sie können beim vollständigen Ausatmen zur Verstärkung liebevoll sagen: „Ja, ich bin einverstanden!“ Genießen Sie die Momente der Entspannung und lassen Sie die energetische Veränderungen in sich wirken.

Sie haben damit den Spielfluss einfach unterbrochen, den Stecker gezogen. Sie sind in einen Raum eingetreten, der eigentlich leer ist, aber in dem alles existiert. Analysieren Sie nicht zu viel, geniessen Sie einfach das, was Sie erfahren. In dem Moment, wo Sie komplett ausgeatmet haben, ist es fast so, als würde Ihr Leben für kurze Zeit angehalten. Wenn Sie diesen Zustand mehrfach üben, werden Sie keinerlei Ängste oder Stress mehr erfahren, es geht gar nicht. Wenn Sie diese Übung regelmäßig machen, werden Sie merken, dass in nur kurzer Zeit Ruhe in Ihr Leben kommt. Diese Ruhe ermöglicht es Ihnen, wieder neu zu starten, aber dieses Mal mit einem anderen Gemütszustand. Man kann es etwa so vergleichen: Mit dieser Übung kommen wir in das Auge des Hurricans hinein, in dem Ruhe herrscht, egal wie stürmisch es im Büro um Sie herum zugeht. Im Grunde dürfen Sie nun wieder neu in Ihr Spiel starten und sehen es vielleicht mit anderen Augen. Genau in dem Moment, wo Sie wieder neu starten, kann es sein, dass einige tiefere Erkenntnisse und Weisheiten durchscheinen, die Ihnen wertvolle Wegweiser sind.

3. Geben Sie während des Unternehmensspiels Ihrer Authenti­zität und Menschlichkeit immer mal wieder Raum, das was Sie wirklich denken oder fühlen, dies bewirkt Wunder und bringt Sie mit anderen Menschen auf der Spielwiese näher zusammen. Interessanterweise erleben wir so etwas zumeist bei Extremsituationen, zum Beispiel bei der Fussball Weltmeisterschaft oder bei einer Beerdigung, im ersten Fall ist es geteilte Freude und Begeisterung, im zweiten aufrichtige Trauer.

4. Spielen Sie Ihre Rollen, falls sie Ihnen gefallen, mit Eleganz, also mit einem Codex, der aus Grundwerten wie Respekt, Toleranz, emotionaler Intelligenz, einem Verständnis für das Machbare oder einem tieferen Sinn für Wahrheit besteht. Dies ist vor allem für fortgeschrittene Spieler interessant. Vielleicht können Sie nicht immer das Spiel oder sogar das Spielfeld wechseln. Aber Sie sind immer Herr über Ihre Einstellung. Der berühmte österreichische Psychotherapeut und Begründer der Logotherapie Victor Frankl sagte einmal: „Die letzte Freiheit des Menschen ist die der Wahl der Einstellung“. Er hat selbst so mehrere Jahre im Konzentrationslager überlebt.

5. Nehmen Sie Ihre Rollen und Spiele nicht zu ernst. Sie sind eh nicht von Dauer. Machen Sie Gebrauch von einer unserer größten Stärken: dem Humor. Lachen Sie immer mal wieder auch über sich selbst, darüber, wie ernst Sie alles zu nehmen scheinen. Am besten hat es hier wohl der Archetyp des Clowns: er kann in alle Rollen schlüpfen, ohne von Ihnen abhängig zu sein. Er setzt sich damit über das Spiel hinweg, er wird frei. Ich habe in meiner Laufbahn als Coach immer wieder solche „Clowns“ getroffen, die sich Freiheiten herausnehmen konnten, die selbst der Vorstand nicht hatte.

Beobachten Sie, experimentieren Sie, vielleicht ergeht es Ihnen auch so wie mir, dass Sie mit der Zeit immer neue Rollen an sich entdecken; Ihr Repertoire erweitert sich, das Spiel wird durch das Einnehmen von verschiedenen Rollen auf einmal wieder interessant. Ich wünsche Ihnen viel Spass dabei.

Kurzlebenslauf

Dr. Michael Schroeder, Jahrgang 1963, hat in Münster sowie Paris Wirtschaftswissenschaften studiert und in Saarbrücken über internationale Medien promoviert. Fast zwei Jahrzehnte lang arbeitete er für internationale Unternehmen, zuletzt als Geschäftsführer für Burda Romania. Ende 2009 verließ er die „corporate world“ und widmet sich seither seiner eigentlichen Berufung: 2011 gründete er seine Agentur ­Linarson und begleitet als Coach Topmanager auf deren beruflichen und privaten Entwicklungswegen. Das von ihm initiierte Programm zur „Persönlichen Meisterschaft“ verbindet klassische Unternehmensberatung mit transformierendem Persönlichkeitscoaching. Die außergewöhnliche Kombination bietet er nicht nur in der Einzelarbeit an, sondern auch als Praxismodul in Seminaren, speziell für Manager.

von Dr. Michael Schroeder

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