Comeback der Kornkammer

(Foto: IgorStrukov/ depositphotos.com)

Weil es ihnen in der Gegenwart gerade schlechter ging, erinnerten sich Menschen in Rumänien in den Jahren gleich nach der Wende gerne an die beste Zeit ihres Landes: die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen, als nach der Großen Vereinigung auch in der Wirtschaft eine Aufbruchstimmung herrschte. Damals wurde auch der Mythos der Kornkammer Europas geprägt, und genau das war er auch: ein Mythos, der mit der Realität weniger zu tun hatte als mit Selbstbeweihräucherung. Dass 1919 die Produktion sprunghaft anstieg hatte beispielsweise nicht mit einer Leistungsverbesserung per se zu tun, sondern mit der Vergrößerung des Staatsgebiets durch die Vereinigung.

Doch die Chancen stehen gut, dass Rumänien heute den Mythos zur Realität macht. 2018 war das wohl beste Jahr in der rumänischen Getreidewirtschaft, wie den Zahlen aus dem Landwirtschaftsministerium in Bukarest und von Eurostat zu entnehmen ist. Mit einer Getreideernte von über 30 Millionen Tonnen (nach Eurostat-Daten sogar fast 32 Millionen Tonnen) erreichte Rumänien Platz drei in der Europäischen Union hinter Frankreich und Deutschland, zwei Ländern mit deutlich mehr Landwirtschaftsfläche. Bei Körnermais liegt Rumänien zum zweiten Mal in Folge sogar an erster Stelle in der Union, mit 19 Millionen Tonnen – fast 33% mehr im Vergleich zu 2017. Auch bei Sonnenblumen ist Rumänien europaweit die Nummer Eins: die Ernte kletterte im Jahr 2018 auf 3,35 Millionen Tonnen, ein Plus von mehr als 15% gegenüber 2017.

Und bei der Weizenproduktion belegt Rumänien mit rund 10,3 Millionen Tonnen den vierten Platz in der EU. Das entspricht einer nur geringen Steigerung von fast 2,4% gegenüber dem Vorjahr.

Noch wichtiger als die Mengen selbst ist die Steigerung der Produktivität. Auf einem Hektar wurden durchschnittlich 4,8 Tonnen Weizen geerntet, bei Sonnenblumen waren es 2,9 Tonnen. Bei Körnermais registrierten die Betriebe einen durchschnittlichen Ertrag von 7,8 Tonnen pro Hektar.

Auch für die Traubenproduktion war 2018 ein gutes Jahr. Im Vergleich zu 2017 wurden mit 83.000 Tonnen über 74% mehr Tafeltrauben produziert, der Ertrag lag somit bei 9,4 Tonnen pro Hektar. Bei Weintrauben stieg die Produktion 2018 im Vergleich zum Vorjahr um 13,3% auf insgesamt etwas über 1,15 Millionen Tonnen. Der Durchschnittsertrag pro Hektar betrug 2018 über 6,5 Tonnen.

Tatsächlich schätzte die Internationale Organisation für Rebe und Wein (OIV) Ende Oktober auf der Basis der Traubenernte, dass Rumänien einen Anstieg der Weinproduktion um 21% auf 5,2 Millionen Hektoliter verzeichnet, nachdem im Jahr 2017 rund 4,3 Millionen Hektoliter Wein erzeugt wurden. Damit überholt Rumänien das Niveau von 2013, als 5,11 Millionen Hektoliter Wein gekeltert wurden. In den darauffolgenden drei Jahren bis 2016 fiel die Produktion auf jeweils nicht mehr als 3,7 Millionen Hektoliter.

Vor allem in den letzten drei-vier Jahren stiegen offenbar sowohl die Produktionsmengen als auch die Produktivität pro Hektar bei vielen Kulturen konstant.

Diese Leistung ist aus der Sicht der Behörden kein Zufall, sondern Ergebnis langfristig günstiger Entwicklungen in der rumänischen Landwirtschaft. Dazu gehören die stärkere Konzentration der Landwirtschaftsflächen in den letzten Jahren sowie der Input europäischer Gelder seit dem Beitritt des Landes zur Europäischen Union in 2007. Auch mehr Investitionen des Staates sollen der Landwirtschaft geholfen haben, die Abhängigkeit vom immer mehr unberechenbaren Wetter besser zu überwinden.

Nach der Wende entschied sich Rumänien für einen umstrittenen Ansatz in der marktwirtschaftlichen Reform des Agrarsektors. Anstatt die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) in Betriebe umzuwandeln und ihren Bauern Anteile am gesamten Bestand auszugeben, löste der Staat die LPG faktisch ab und gab den Bauern nur ihr Land zurück – aus falsch verstandener Fairness jedoch in der Regel nur maximal 10 Hektar. Die Betriebsmittel der Genossenschaften – Traktoren, Landwirtschaftsgeräte, Melkstationen, Ställe usw – verwahrlosten; nach Jahren der Unterdrückung durch den Staat nahmen sich die Bauern zurück, was ihnen ihrer Meinung nach zustand. Vieles wurde dabei zerstört.

Weil sie keinen Zugang zu modernen Geräten mehr hatten, mussten die verarmten Bauern ihre kleinen Flächen mit primitivsten Methoden bearbeiten. Allmählich verpachteten sie oder verkauften ihr Land, zogen in die Stadt oder wanderten aus. Das führte dazu, dass nach amtlichen statistischen Daten die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe allein zwischen 2010 und 2016 um mehr als 11% auf 3,4 Millionen abnahm (allerdings liegt auch nach dieser Entwicklung einer von drei landwirtschaftlichen Betrieben der EU in Rumänien).

Die intensive Konzentration größerer Flächen in den Händen starker Unternehmen ermöglichte eine höhere Produktivität und bessere Ernten – doch sie ist nicht unproblematisch und führt zu starker Polarisierung. Ein Bericht des Transnational Institute im Auftrag des Europäischen Parlaments bemängelte, dass bei einer Fläche von mehr als 13 Millionen Hektar Landwirtschaftsfläche in Rumänien über fünf Millionen Hektar in Besitz ausländischer Firmen gelandet sind, wobei diese Unternehmen aufgrund starker Mechanisierung verhältnismäßig wenig Arbeitsplätze schaffen. Die Studie erwähnte auch, dass in Rumänien nach dem Stand von 2013 die größten 1,1% der Empfänger mehr als 51% der Direktzahlungen aus der Gemeinsamen Agrarpolitik erhalten haben.

Übrigens EU-Mittel: Allein in den letzten zwei Jahren flossen mehr als 6,3 Milliarden Euro aus den verschiedenen EU-Fonds in die rumänische Landwirtschaft. Mit diesem Geld wurden zwar auch Direktsubventionen an Landwirte gezahlt, aber auch viele Projekte finanziert, die dem Agrarsektor und dem ländlichen Raum generell helfen. So wurden nach der Ende 2018 vom Landwirtschaftsministerium vorgelegten Bilanz allein letztes Jahr 47 Bewässerungsprojekte genehmigt und 1,2 Millionen Hektar für Bewässerungen aufbereitet. Fast 3500 Pumpstationen und 1028 km Wassergräben wurden bereitgestellt, um gegen die Dürre vorzugehen. Neuerdings wird auch der Hagel bekämpft: 2018 wurden 60 Abschussstationen von Hagelraketen in Betrieb genommen, die 870 Tausend Hektar Fläche abdecken.

Auch unter den verbesserten Voraussetzungen in der Landwirtschaft war die Ernte allerdings nicht bei allen Kulturen besser als 2017. Der stärkste Rückgang im Vergleich zum Vorjahr – rund 22% – wurde bei Zuckerrüben registriert, die Ernte fiel auf gerade 921 Tausend Tonnen. Nur 2,4 Millionen Tonnen Herbstkartoffeln wurden geerntet, ein Minus von etwa 10% gegenüber dem Vorjahr. Die Rapsproduktion fiel ebenfalls um rund 9% auf ungefähr 1,5 Millionen Tonnen. Auch weniger Gerste wurde 2018 eingefahren – die Menge sank allerdings nur geringfügig um etwa 1,5%.

Die Gesamtproduktivität ist nach wie vor ein Problem des rumänischen Agrarsektors, zumindest nach etwas älteren Zahlen zu beurteilen. Letztes Jahr legte die rumänische Zentralbank BNR in einem Bericht einen ernüchternden Vergleich Rumäniens mit Länder wie Polen oder Ungarn vor. Im Verhältnis zum Durchschnitt der Europäischen Union, aber auch zu Polen und Ungarn habe die Produktivität in Rumänien in den letzten Jahren stärker zugenommen, doch mit Ausnahme des Getreidesektors hinke Rumänien immer noch den beiden Staaten der Region hinterher, besagt der Bericht. Das Bild der rumänischen Landwirtschaft sei geprägt von einem stärkeren Einsatz der Arbeitskräfte: im Jahr 2016 war der Anteil der Arbeitskosten an den Gesamtkosten in Rumänien doppelt so hoch wie der Anteil des Kapitals – umgekehrt als in der EU und nicht einmal wie in Ungarn und Polen, wo die Anteile relativ gleich verteilt sind. Dieser intensive Arbeitseinsatz führe zu einer schwächeren Stundenproduktivität im Vergleich zu den anderen Ländern.

Aus der Studie geht hervor, dass die Produktivitätsunterschiede am stärksten in den Bereichen Gemüse, Fleisch und Milch ausgeprägt sind, während bei Getreide und Ölpflanzen Rumänien immerhin etwas produktiver ist als Polen.

Eine mögliche Erklärung für diese Situation sei laut BNR die schwache Kapitalisierung der rumänischen Betriebe. Die Ausstattung der durchschnittlichen Farm mit Landwirtschaftstechnik ist weit vom Niveau in Polen oder Ungarn entfernt. Eklatant fällt der Unterschied auf dem Milchsektor aus: eine durchschnittliche rumänische Milchfarm hatte 2017 gerade 13% des durchschnittlichen Kapitals eines ähnlichen Betriebs in Europa, wobei in Polen und Ungarn die Betriebe sogar besser ausgestattet sind als in der gesamten EU. Große Molkereiunternehmen hatten deshalb in Rumänien Schwierigkeiten, sich am heimischen Markt einzudecken – im Jahr 2017 lieferten rumänischen Milchbauern nur ein Viertel ihres Bedarfs.

Die Botschaft hinter diesen Zahlen ist klar. Um produktiver zu sein, brauchen die rumänischen Landwirtschaftsbetriebe Geld. Und das gibt es eigentlich in erheblichen Mengen nur aus Brüssel. Es ist der Grund, wofür Landwirte aus der Region MOEL Mitte Dezember in Bukarest ein gemeinsames Grundsatzdokument zur künftigen Gemeinsamen Agrarpolitik verabschiedeten. Dort fordern sie unter anderen einen größeren Agrarhaushalt, einheitliche Subventionen in allen EU-Ländern und der Verzicht auf den Vorschlag, die Subventionen zu deckeln. Im Kern also: mehr Geld.

Alex Gröblacher

Romania
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