Das große Aussterben

Es ist offensichtlich keine besonders gute Zeit, auf dem Planeten Erde zu leben. Laut einem neulich vorgelegten UNO-Bericht ist die biologische Masse der Säugetiere um über 80% gesunken und eine Million Spezies sind vom Aussterben bedroht – alles eine Folge des menschlichen Wirkens, führt der Report an. Die wirtschaftlichen Folgen sind katastrophal – allein wegen dem Verlust bestäubender Insekten drohen Ernteeinbußen von mehr als einer halben Milliarde Euro und die Landverödung hat global betrachtet fast ein Viertel der Produktivität von Flächen zerstört. Dass Forscher einen besorgten Ton anschlagen, ist deshalb perfekt verständlich.

Etwas weniger Beachtung findet das Aussterben einer bestimmten Spezies Mensch – der Angehörigen der Mittelschicht in den entwickelten Ländern. Die Konsequenzen sind ebenfalls gravierend. Die Mittelschicht trägt Wirtschaft und Demokratie. Zu ihr gehören Menschen, die die Investitionen und den Konsum antreiben, die sich gesellschaftlich engagieren und Modernisierungsdruck ausüben. Ist sie geschwächt, so wie es der Fall zu sein scheint, haben die liberalen Demokratien und ihre politische Mitte zu leiden und die Populisten erstarken – auf der rechten wie auf der linken Seite..

Viele Jahrzehnte lang lebten Menschen im kapitalistischen Westen nach einem einfachen Vorbild, das unzählige Kulturprodukte ad nauseam reproduzierten: fleißig lernen, hart arbeiten, konsequent sparen, die Kinder auf bessere Schulen schicken, den Lebensabend genießen. Arbeit zahlte sich aus; wer das Ziel nicht aus den Augen verlor, hatte in der Regel eine faire Chance, dass es zumindest den Kindern besser gehen würde.

In 2013 setzte ein Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty eine heftige Diskussion in Gang. „Das Kapital im 21. Jahrhundert” untersuchte die Konzentration und Verteilung von Vermögen in den letzten 250 Jahren und stellte im Kern die These auf, dass die Kapitalrendite immer höher war als das Wachstum der Wirtschaft, dass also bei konstantem Trend die Ungleichheit in Zukunft noch weiter zunehmen würde.

Auch viele andere Studien und Berichte belegten in den letzten Jahren, wie eine immer geringere Anzahl von Menschen einen immer größeren Anteil am globalen Vermögen besitzt. Doch das alleine ist nicht das Problem. Die Armut nimmt global zwar ab, vor allem weil in China und Indien das Wirtschaftswachstum Millionen Menschen aus der Misere rettete. Aber im Westen rutschen Leute häufig aus der Mittelschicht in untere Einkommensschichten heraus. Dass Menschen in Vollzeit arbeiten und trotzdem nicht genug verdienen, um über die Runden zu kommen, war in den Jahren konservativer Sichtweisen in wirtschaftlich starken Ländern eher ungewöhnlich – doch in der heutigen globalisierten neoliberalen Ökonomie sind die sogenannten working Poors, die arbeitenden Armen keine Seltenheit mehr. Im März 2018 bekamen zum Beispiel in Deutschland fast 200 Tausend Menschen, die vollzeitig beschäftigt waren, noch Geld vom Staat, weil sie nicht genug verdienten. Die Anzahl der Personen, die laut amtlicher Statistik arbeiteten – Teil- und Vollzeit – und Ergänzungsleistungen bekamen, lag bei über einer Million. In den USA fand eine Umfrage heraus, dass rund 60% der Haushalte unfähig seien, ungeplante Ausgaben von 1000 Dollar zu stemmen.

Die Mittelschicht in den entwickelten Volkswirtschaften ist immer stärker zusammengedrückt und dünner. Das ist kein empirischer Eindruck, sondern gemessenes Ergebnis einer Studie der OECD. Die im April dieses Jahres unter dem Titel „Under Pressure: The Squeezed Middle Class” (in etwa: Unter Druck: die zusammengedrückte Mittelschicht) herausgegebene Untersuchung kommt zu beunruhigenden Schlüssen.

So sei die Mittelschicht in den meisten OECD-Ländern geschrumpft, da es für jüngere Generationen schwieriger geworden ist, dorthin zu aufzusteigen. Die Mittelschicht verdünnte sich allein zwischen Mitte der 1980er und Mitte der 2010er Jahre im Schnitt von 64% auf 61% der Bevölkerung.

Der wirtschaftliche Einfluss der Mittelschicht sei zudem stark zurückgegangen. Im gesamten OECD-Raum, mit Ausnahme einiger Länder, sind die mittleren Einkommen heute kaum höher als vor zehn Jahren und stiegen um nur 0,3% pro Jahr, um ein Drittel weniger als das Durchschnittseinkommen der reichsten 10%.

Auch die Kosten für einen Lebensstil der Mittelklasse sind schneller gewachsen als die Inflation. So stellt beispielsweise das Wohnen mit rund einem Drittel des verfügbaren Einkommens den größten Einzelposten für Haushalte mit mittlerem Einkommen dar, gegenüber einem Viertel in den 90er Jahren. Die Hauspreise sind in den letzten zwei Jahrzehnten dreimal schneller gewachsen als das Medianeinkommen der Haushalte.

Mehr als jeder fünfte Haushalt mit mittlerem Einkommen gibt mehr aus, als er verdient, und die Überschuldung ist für solche Haushalte höher als für jene mit niedrigem und hohem Einkommen. Darüber hinaus sind die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt immer unsicherer geworden: Jeder sechste Arbeitnehmer mit mittlerem Einkommen hat einen Arbeitsplatz, der einem hohen Automatisierungsrisiko ausgesetzt ist, verglichen mit jedem fünften Arbeitnehmer mit niedrigem Einkommen und jedem zehnten Arbeitnehmer mit hohem Einkommen.

Die OECD spricht angesichts dieser Situation von Handlungsbedarf. Um der Mittelschicht zu helfen, sei nach Ansicht der Organisation ein umfassender Aktionsplan erforderlich. Regierungen müssen mehr tun, um bürgerliche Haushalte zu unterstützen, die darum kämpfen, ihr wirtschaftliches Gewicht und ihren Lebensstil aufrechtzuerhalten, da ihre stagnierenden Einkommen nicht mit den steigenden Kosten für Wohnen und Bildung Schritt halten können, so der OECD-Bericht. Die Staaten sollten den Zugang zu hochwertigen öffentlichen Dienstleistungen verbessern und eine bessere Abdeckung des Sozialschutzes gewährleisten. Um die Lebenshaltungskosten zu senken, sollte die Politik die Bereitstellung von erschwinglichem Wohnraum fördern. Gezielte Zuschüsse, finanzielle Unterstützung für Kredite und Steuererleichterungen für Hauskäufer würden dazu beitragen, Haushalte mit mittleren Einkommen zu fördern. In Ländern mit akuter Verschuldung im Wohnungsbau würde eine Hypothekenentlastung dazu beitragen, dass überlastete Haushalte wieder auf Kurs kommen.

Da befristete oder instabile Arbeitsplätze – oft mit niedrigeren Löhnen und Jobsicherheit – zunehmend traditionelle Stellen der Mittelschicht ersetzen, sind mehr Investitionen in die Berufsbildungssysteme erforderlich. Der Sozialversicherungs- und Tarifverhandlungsschutz für nicht dem Standard entsprechende Arbeitnehmer, wie Teilzeit- oder Leiharbeitnehmer oder Selbständige, sollte ausgeweitet werden.

Um mehr Gerechtigkeit zu fördern, muss die Politik schließlich die Verlagerung der Steuerlast vom Arbeitseinkommen auf die Einkünfte aus Kapital- und Kapitalgewinnen, Immobilien und Erbschaften sowie die progressivere und gerechtere Gestaltung der Einkommenssteuern in Betracht ziehen.

In Deutschland und Österreich liegt der Anteil der Mittelschicht höher als der OECD-Durchschnitt von 61% – nämlich jeweils 67%. Aber auch hier zeichnet sich ein Generationenproblem ab. Von den sogenannten Baby Boomers, der Generation von 1942-64, gehören OECD-weit 68% zur Mittelschicht, in Deutschland sind es 71%. Von den Millennials, die zwischen 1983 und 2002 geboren wurden, sind es nur 60% in der OECD und 61% in Deutschland.

Die OECD-Studie hat sich mit der Lage in Rumänien nicht auseinandergesetzt, auch weil das Land noch nicht Mitglied der Organisation ist. Bestimmte Zahlen könnten immerhin ein brauchbares Bild der Mittelschicht zeichnen.

Ein Kriterium der Beurteilung könnte die gesellschaftliche Stellung sein. Anfang 2019 berichtete das rumänische Handelsregister zum Beispiel, dass die Anzahl der Menschen, die Gesellschafter in einer Firma sind, auf einem historischen Höhepunkt angekommen ist. Demnach waren im Februar des Jahres über 1,38 Millionen Unternehmer registriert, davon mehr als eine halbe Million Frauen.

Rumänien liegt zudem nach Angaben von Eurostat mit 17% an vierter Stelle in der EU (Stand:2018), was den Anteil der Selbstständigen an der gesamten Arbeitskraft anbelangt. Der EU-Durchschnitt liegt bei 14%, Deutschland hat knapp die Hälfte, 9%.

Noch öfter werden jedoch Einkommensniveaus gemessen.

Eine mögliche Definition ist demnach die aus der OECD – Studie, wo die Mittelschicht nach dem Medianeinkommen beurteilt wird. Demnach gehört ein Haushalt der Mittelschicht, wenn er zwischen 75% und 200% des jeweiligen nationalen Medianwerts der Haushaltseinkommen erwirtschaftet. Für Rumänien lag aber dieser Wert an unterster Stelle in der EU – das Medianeinkommen erreichte 2017 nur 2742 Euro, sogar Bulgarien lag mit 3590 Euro deutlich höher. Der EU-Durchschnitt scheint mit über 16 Tausend Euro unerreichbar.

Nach diesem Modell würde also in Rumänien schon zur Mittelschicht gehören, wer in einem Haushalt mit knapp über 2000 Euro im Jahr lebt. Wer mehr als 5500 Euro hat, wäre demnach schon besser gestellt als die Mittelschicht.

Der Experte Homi Kharas von der amerikanischen Brookings Institution geht andererseits davon aus, dass Menschen schon zur globalen Mittelschicht gehören, wenn ihr Haushalt pro Tag und Person mindestens 11 Dollar ausgibt.

Der Mindestlohn in Rumänien beträgt 1263 Lei netto, umgerechnet also etwas unter 300 Dollar. Ein Haushalt muss also deutlich mehr verdienen, um täglich mindestens 11 Dollar auszugeben. Aber nach einer Berechnung der Zeitung Ziarul Financiar, verdienen rund 60% der 3,5 Millionen abhängig Beschäftigten in der rumänischen Privatwirtschaft nur den Mindestlohn – sind also schwerlich der Mittelschicht zuzurechnen.

Romania
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