Das Home office ist da, was nun?

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Corona hat uns alle in den letzten Monaten ganz schön durchgeschüttelt. In der Arbeitswelt haben wir nun gelernt, dass es auch von zuhause möglich ist, seine Arbeit zu erledigen. Mit den vielen Kunden, mit denen ich in den letzten Monaten gesprochen habe, kommt dazu eigentlich immer der gleiche Kommentar: ”Die Firma hat trotz home office weiter funktioniert, mancherorts sogar mit Effizienzgewinnen”. Ist das nicht erstaunlich? Nun haben wir viele Jahre lang darüber diskutiert, ob das home office sinnvoll ist und nun ist es einfach da, nicht weil wir es wollten, sondern weil wir es mussten!

Was hat das nun für praktische Konsequenzen für den Arbeitgeber und den Mitarbeiter? Kommen wir zuerst zu den Arbeitgebern. Viele große Firmen haben jetzt das home office fest etabliert. Natürlich geht das leichter bei Bürotätigkeit als in der Fabrik, wo Arbeiter anwesend sein müssen, um Maschinen zu betätigen. Aber kann man nun auf das Büro ganz verzichten, fragen sich viele. Das hängt wohl sehr von der Tätigkeit ab. Handelt es sich um leicht strukturierbare Arbeit, oder Tätigkeiten, die kaum der Interaktion mit anderen Kollegen bedürfen, mag das noch gehen. Aber was ist mit kreativer Arbeit? Was macht der klassische Verkäufer in der neuen virtuellen Welt? Was ist mit dem Gemeinschaftsgefühl, der Identifikation mit Werten, die für Organisationen so wichtig sind? Brauchen wir dazu nicht auch das Zusammensein mit den Kollegen? Fallen Firmen nicht buchstäblich auseinander, wenn es keine gemeinsamen Aktivitäten in der realen Welt mehr gibt und jeder nur noch seinen Beitrag dezentral zuliefert? Das alles sind Fragen, die noch beantwortet werden müssen. Für mich sind drei Dinge ziemlich sicher: die Büroräume werden sich in Zukunft verändern, denn für 2 oder 3 Bürotage in der Woche braucht man nicht unbedingt ein eigenes Büro, was dann den Rest der Zeit leersteht. Die Firmen werden den Begriff Effizienz neu definieren müssen, da viele Leerzeiten – z.B. der Transport zum Arbeitsplatz – wegfallen. Zu klären bleibt schliesslich, wie die neue Effizienz überwacht wird. Vielleicht stellt man dann fest, dass das home office mehr Effizienz bringt und möglicherweise sogar weniger Mitarbeiter für die gleiche Arbeit nötig sind. Drittens wird die Digitalisierung weiter voranschreiten. Mitarbeitermeetings mit über 1000 Mitarbeitern online sind auf einmal möglich. Das home office wird immer mehr zu einem hochdigitalisierten Arbeitsplatz mit neuesten Technologien und Datenübertragungsmöglichkeiten. Auch die Ton- und Bildqualität für virtuelle Besprechungen verbessern sich ständig. Wer dafür bezahlen soll, ist allerdings noch offen, auch die Datensicherheit muss gewährleistet werden, trotz vieler dezentral agierender Mitarbeiter.

Was geht es nun dem Mitarbeiter selbst bei diesen Veränderungen? Er wurde mit dem home office einfach vor vollendete Tatsachen gestellt, manche finden das toll, andere schrecklich. Wie bekommt man das hin, am gleichen Ort mit der Familie zu leben und zu arbeiten? Diese neue Arbeitsform erfordert Disziplin, zwischen beiden Welten zu trennen, die nicht jeder so ohne weiteres mitbringt. Auch die Räumlichkeiten sind nicht immer vorhanden, um sich zum Arbeiten in eine ruhige Ecke zurückzuziehen. Was ist mit der Selbstorganisation, Dinge abzuarbeiten, ohne auf Kollegen und den Chef angewiesen zu sein? Viele von uns können nur arbeiten, wenn sie ihre Kollegen um sich haben. Haben die Mitarbeiter genug Antrieb, sich um ihre sozialen Kontakte praktisch selbst zu kümmern? Im Büro sind Kontakte einfach da, ob man sie nun mag oder nicht, zuhause ist jeder auf sich selbst angewiesen, diese aufzubauen. In jedem Falle werden Mitarbeiter in all diesen Bereichen dazulernen müssen. Bei alledem geht es immer um zweierlei: der Mensch hat seine Arbeit, er benötigt jedoch ebenfalls soziale Kontakte, um sich auszutauschen, sich abzustimmen und Meinungen mit anderen zu diskutieren. Ja, es geht auch um menschliche Wärme, die bei zu viel Tätigkeit von zuhause aus verloren zu gehen droht.

Sicherlich wird es im Endeffekt einen Mix zwischen beiden Arbeitsorten geben, damit man möglichst allen Bedürfnissen gerecht werden kann. Wir werden durch diese Veränderungen dazulernen; da ist auf der einen Seite die Firma, die trotz geographischer Dezentralisierung der Arbeit weiter erfolgreich auf ihren Märkten agieren will, auf der anderen Seite der Mitarbeiter, die zu mehr Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit animiert wird.

Lassen wir uns einfach auf diese Veränderungen ein, eine Wahl haben wir sowieso nicht.

Dr. Michael Schroeder

Romania
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