Das Jahr des Virus

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Für die meisten Menschen hatte das Jahr 2020 vielversprechend begonnen und im chinesischen Horoskop ist das neue Jahr(ab Ende Januar) das der Metall-Ratte. Fachleute kündigten an, dass 2020 ein Erfolgsjahr werden würde, da die Ratte Schutz und Wohlstand bedeutet, die uns neue Anfänge, neue Chancen und finanzielle Gewinne bringen sollten.

Ich selbst begann das Publikationsjahr 2020 mit einem vielversprechenden Thema: Phönix, der aus seiner eigenen Asche wiedergeborene Vogel, einer der mächtigsten Mythen der Menschheit, wenn nicht sogar der mächtigste. Ich habe den Mythos in meinem Leitartikel neu interpretiert und war der Ansicht, dass der Phönix die Weltwirtschaft selbst ist. Ich dachte damals an etwas, das heute aus einer ganz anderen Perspektive zum Leben erwacht: zu Dekonstruieren, was uns stört, benachteiligt oder aus dem Gleichgewicht bringt, damit wir Rekonstruieren können. Siehe da, heute sind wir dazu gezwungen, zu rekonstruieren.

Ich glaube, dass 2020 in allen Kalendern der Welt als Das Jahr des Virus neu getauft werden kann. Nachdem das Virus die Metall-Ratte bei sich zu Hause auf die Knie gezwungen hatte, bevor sie überhaupt zur Geltung kommen konnte (ich muss daran erinnern, dass China bereits im Januar in einer tiefen Krise des Gesundheitssystems steckte), hat die Pandemie nun alle Meridiane und alle Staaten getroffen, seien es Großmächte oder Länder der „Dritten Welt“. Die Auswirkungen von COVID-19 auf die Weltwirtschaft sind äußerst ungewiss, verfügen jedoch über Katastrophenpotenzial. Der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev, Vorsitzender des Zentrums für Liberale Strategien in Sofia, Mitglied des Vorstands des Europäischen Rates für Auswärtige Beziehungen, schrieb kürzlich: „In einer Zeit der Krise sind wir mit Ungewissheit infiziert.“ Bei all dieser zunehmenden Ungewissheit ist eines gewiss: Es ist gewiss, dass die Wirtschaft heute von einer beispiellosen Krise mit außergewöhnlichen Merkmalen betroffen ist, anders als was wir in den letzten Jahrzehnten erlebt haben.

Die Covid-19-Pandemie zwingt die interventionistische Regierung zu einer weitaus stärkeren Rückkehr als in der Finanzkrise der Jahre 2008-2009. Das Coronavirus bringt die Regierung zurück in den Vordergrund in großem Stil. Verzweifelt verlassen sich die Menschen auf die Regierung, um eine kollektive Verteidigung gegen die Pandemie zu organisieren. Dieselben verzweifelten Menschen – Arbeitnehmer oder Arbeitgeber – warten darauf, dass die Regierung die Realwirtschaft rettet, die „kurz vor dem Untergang“ steht. Gleichzeitig liefert das Coronavirus einen weiteren Beweis für die Mystik der Grenzen und wird dazu beitragen, die Rolle des Nationalstaates innerhalb der Europäischen Union zu bekräftigen. Dies war bereits bei der Schließung vieler Grenzen zwischen Ländern und in der Tatsache zu sehen, dass sich jede Regierung in Europa auf ihre eigenen Leute konzentriert hat.

Eine weitere Lehre aus der Pandemie ist das Krisenmanagement. Stellt die Panik der Bevölkerung in normalen Zeiten eine Bedrohung dar, so kann die Panik heutzutage einen positiven Effekt haben. Die Covid-19-Krise hat starke Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen den von einander stark entfernten Generationen. Im Kontext der Debatten über den Klimawandel und das damit verbundene Risiko standen die jüngeren Generationen ihren Ältesten sehr kritisch gegenüber, weil sie egoistisch sind und nicht ernsthaft über die Zukunft nachdenken. Das Coronavirus kehrt diese Dynamik um: Nun sind die älteren Menschen viel anfälliger und fühlen sich durch den refraktären Charakter von Millennials bedroht, ihre Lebensweise ändern zu müssen. Dieser Konflikt zwischen den Generationen könnte sich verschärfen, wenn die Krise lange anhält.

Die Regierungen sind heute gezwungen, zwischen der Begrenzung der Ausbreitung der Pandemie auf Kosten der Zerstörung der Wirtschaft oder der Annahme höherer menschlicher Kosten zur Rettung der Wirtschaft zu wählen. Der globale Markt – fast bis gestern von der Freizügigkeit von Personen und Gütern regiert – leidet heute unter massiven Störungen des zirkulierenden Bestands zwischen verschiedenen Branchen, Regionen oder Ländern. Die Covid-19-Pandemie droht, die Weltwirtschaft in einen Abgrund zu stürzen, aus dem es schwer werden wird, herauszukommen. Die Gesamtauswirkungen zeigen sich in einer tiefgreifenden Störung der Wirtschaftsaktivitäten und dies kann das globale Wachstum erheblich verlangsamen und eine angekündigte Rezession in eine keinesfalls erwünschte Wirtschaftskrise verwandeln.

Der durch die Covid-19-Pandemie verursachte rasche Rückgang der Wirtschaftstätigkeit (und damit auch des wirtschaftlichen Wohlstands) könnte uns alle viel härter bestrafen, als wir ursprünglich dachten. Mit zunehmender Errichtung von Barrieren für die Mobilität von Menschen und Gütern durch die Regierungen weltweit und da die Verbraucher immer mehr Angst haben, ihr Geld auszugeben, das immer weniger wird, könnte die Wirtschaft in einen Abgrund geraten, aus dem die Rückkehr Jahre dauern könnte.

Die Welt nach dem Virus wird auch das Management von Wirtschafts- oder Gesundheitskrisen neu gestalten. Der Ansatz vom Frühjahr 2020, eher „jeder für sich“ als „alle für einen und einer für alle“, wird keine globalen Lösungen für globale Krisen bieten können. Die Pandemie wird nur durch eine gemeinsame, globale Lösung beseitigt werden können. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie werden auch durch gemeinsame Anstrengungen gemindert werden können. Der frühere Bundesaußenminister Joschka Fischer meint, dass der traditionelle Nationalstaat, in die Zukunft blickend, nicht in der Lage sein wird, eine vernetzte Welt mit mehr als acht Milliarden Menschen zu verwalten. Die Welt nach dem Virus wird zwangsläufig die gemeinsamen Interessen der Menschheit immer mehr in den Vordergrund stellen, nicht zuletzt hinsichtlich der Frage des weiteren Überlebens. Die COVID-19-Pandemie wird schließlich eine internationale Koordination erfordern, und dies zeigt, dass die nationalen Interessen letztendlich in den Hintergrund treten müssen. Auf die Pandemie und die Wirtschaftskrise muss laut Fischer eine neue Ära der internationalen Zusammenarbeit und eine Stärkung der multilateralen Institutionen folgen.

Die Regierungen der Welt ergreifen beispiellose Maßnahmen, um den Sturz zu dämpfen, aus Angst, dass eine globale Rezession, die heutzutage gewiss geworden ist, in eine noch tiefere Krise ausbricht. Es ist jedoch sehr wichtig, dass die Entscheidungsträger auch die Grenzen ihrer Eingriffe erkennen. Der Wirtschaftswissenschaftler Mohamed A. El-Erian meint, dass die Politik des Steuerrabatts, der zinsgünstigen Kredite oder der billigen Refinanzierung von Hypotheken die Menschen nicht dazu bewegen werden, ihre normale Wirtschaftstätigkeit wieder aufzunehmen, wenn sie weiterhin um ihre eigene Gesundheit fürchten. Die unmittelbare Priorität bleibt natürlich der Plan für die öffentliche Gesundheit, der Maßnahmen (soziale Distanzierung, Selbstisolation) enthält, die grundsätzlich nicht mit dem Geschäftsmodell vereinbar sind, in dem die Volkswirtschaften der modernen Welt miteinander vernetzt sind. Hinsichtlich der Schwere und Dauer der Wirtschaftskrise wird alles vom Erfolg des Gesundheitsplans abhängen, die Ausbreitung des Virus zu identifizieren und zu begrenzen, Kranke zu behandeln und die Immunität der Bevölkerung zu stärken. Das Ausmaß der wirtschaftlichen Auswirkungen wird weitgehend von der Reaktion der Öffentlichkeit auf diese Krankheit und diesen Plan abhängen. Die öffentliche Reaktion könnte eine schnellere und breitere Ausbreitung der Krankheit ermöglichen oder unnötige Kosten verursachen.

Eine vom Wirtschaftsprognoseexperten der Firma Deloitte, Daniel Bachman, unterzeichnete Analyse zeigt, dass die COVID-19-Pandemie die Weltwirtschaft in dreierlei Hinsicht beeinflussen wird. Erstens durch die direkte Auswirkung auf die Produktion. Dann treten ernsthafte Störungen in den Lieferketten und auf den Warenmärkten auf. Nicht zuletzt gibt es eine finanzielle Auswirkung auf Unternehmen und Finanzmärkte.

Alles in allem sind, wie UN-Generalsekretär Antonio Guterres kürzlich sagte, der Ausbruch der Pandemie und ihre wirtschaftliche Auswirkung der größte Test, den die Menschheit seit dem Zweiten Weltkrieg zu bestehen hat. Und ein Harvard-Wirtschaftswissenschaftler meinte: „Es scheint bereits, als sei es der tiefste Zusammenbruch der Weltwirtschaft in den letzten 100 Jahren.“ Die „Mutter aller Finanzkrisen“ hält nun, im Jahr des Virus, Einzug in unsere Welt.

Wir lesen noch einmal, was im chinesischen Horoskop unter „Metall-Ratte“ steht: „Um ihre Karriere- und Vermögensziele zu erreichen, müssen die Menschen konsequent und unflexibel sein und dürfen sich nicht von Rückschlägen, Problemen und Schwierigkeiten überwältigen lassen.“ Vor allem aber „müssen sich die Menschen auf ihre eigenen Stärken verlassen und ihre Probleme selber lösen.“

Und ich bin der Überzeugung, dass wir es schaffen werden. Wie der frühere Chefökonom des IWF, Simon Johnson, sagte: „Letztendlich werden wir in der Welt nach dem Virus siegreich sein. Wir leben jetzt bereits in der Nachviruszeit.“ Wir leben das Jahr des Virus.

Daniel Apostol

Romania
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