„Das wirtschaftliche Schaufenster” Rumäniens wird zu einer europäischen Kultureinrichtung

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Im Jahr 2005 nannte die französische Zeitschrift L’Expansion Temeswar – und die rumänische Presse übernahm das Zitat – „Das wirtschaftliche Schaufenster Rumäniens”. Die Franzosen betrachteten die hohe Anzahl von ausländischen Investitionen, die in der Stadt an der Bega getätigt werden. Die massive Welle von ausländischen Investitionen ist von der französischen Zeitschrift als eine „zweite Revolution” betrachtet worden, die die Stadt erlebt und durch die die Stadt „ans Licht kommt”. Timi?oara kommt „ans Licht” auch durch die Tatsache, dass die Stadt im September 2016 zur europäischen Kulturhauptstadt des Jahres 2021 ernannt worden ist, als sie Bukarest, Klausenburg und Baia Mare (Frauenbach) besiegte. Temeswar wird 2021 zur europäischen Kulturhauptstadt unter dem Motto „Erhelle die Stadt durch Dich”. In Temeswar hat die erste öffentliche elektrische Laterne in Europa (12. November 1884) gebrannt und ebenfalls in Temeswar ist die später unauslöschliche Flamme der antikommunistischen Revolution (16. Dezember 1989) entfacht worden. Mit Bukarest – und später mit Klausenburg – führt Temeswar seit vielen Jahren ein Meisterschaftsduell: Temeswar ist nach der Hauptstadt die wirtschaftlich am stärksten entwickelte Stadt, wobei der Schwerpunkt auf der Heranziehung ausländischer Investitionen liegt. Temeswar hat es sogar für einige Jahre in Folge geschafft, den ersten Platz in einem Ranking der Zeitschrift Forbes der besten rumänischen Geschäftsstädte zu belegen. Die Hauptstadt des Banats schaffte es somit, die Hauptstadt Rumäniens zu übertreffen.

Ein weiteres Duell führt Temeswar auf der Diagonalen des Landes: Die Zeitschrift Evenimentul Zilei berichtete vor Jahren, dass Temeswar und Jassy, obwohl sie sich an zwei Enden des Landes befinden, nach der Hauptstadt Bukarest hart um den zweiten Platz im Ranking der größten Städte Rumäniens kämpfen. Im Jahr 2010 verdrängte Temeswar Jassy von der Position der größten Stadt nach Bukarest mit 311.428 Einwohnern im Vergleich zu Jassy, die Stadt, die am 1. Juli 2010 309.631 Einwohner hatte. Die Einwohnerzahl der meistentwickelten Stadt im Westen des Landes ist in den vergangenen Jahren auch aufgrund der anhaltenden wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt sowohl in der Zeit vor der Krise als auch nach dem Wirtschaftsschock der Jahre 2008-2010 gestiegen. Neben den zahlreichen KMUs, die in Temeswar Geschäfte betreiben, haben sich auch Großunternehmen wie etwa Continental, Flextronics, Siemens, Nestle, Danone und Smithfield mit ihren Geschäften hier niedergelassen. Die ausländischen Investoren fühlen sich auch von der Möglichkeit angezogen, dank der Direktflüge vom Flughafen Temeswar schnell mit dem Flugzeug zu reisen, aber auch dank der Nähe zu Ungarn. Automatisch sind mehr Arbeitsplätze geschaffen worden, so dass zwischen den Jahren 2007-2010 die Einwohnerzahl Temeswars um 1,3% gestiegen ist, was ungefähr 4.000 Menschen entspricht. Laut einer Studie der Weltbank aus dem Jahr 2016 könnte Temeswar theoretisch 200.000 Migranten aus dem Inland zählen.

Die von Temeswar herangezogenen ausländischen Investitionen haben als Trampolin für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt gewirkt, insbesondere im High-Tech-Sektor. Im Übrigen sind die wichtigsten Wirtschaftsbereiche mit bemerkenswerter Leistung die IT-Branche und die Fertigung von Automobilkomponenten. Ein weiteres Gebiet, das in Temeswar einen Wachstum verzeichnet hat, ist Bauwesen und Immobilien, insbesondere in den Wohn- und Bürosegmenten. Die mächtigsten Unternehmen des Landkreises kommen jedoch und vervollständigen die Tätigkeitsbereiche. Laut dem Ranking der Zeitschrift Forbes Rumänien auf der Grundlage der von listfirme.ro bereitgestellten Daten (vier Kriterien sind berücksichtigt worden – Umsatz, Gewinn, Anzahl der Mitarbeiter und Eigenkapital im Jahr 2014) sind die Meister unter den Temeswarer Unternehmen Enel Distribu?ie Banat, Colterm – mit Tätigkeiten der Lieferung von Dampf und Klimaanlagen (Warmwasserbereitung), Aquatim (Wassergewinnung, -aufbereitung und -verteilung), Elba, Mondial, RAT Timi?oara, Dunca Expedi?ii, RETIM Ecologic Service, Unita Turism Holding und Prompt.

In Bezug auf den wirtschaftlichen Machtpol der Stadt erklärte Bürgermeister Nicolae Robu (zitiert von Adev?rul), dass „die Exporte, in den Spitzenbereichen aus Temeswar, nach wie vor in den Sektoren Automotive und IT & C bleiben. Das Verdienst der Stadt besteht darin, dass sie das Wachstum der Geschäfte aus Temeswar fördert. Sie hat den Arbeitsrahmen für Unternehmen geschaffen, die auch exportieren können. Das Bürgermeisteramt bietet in Temeswar ein günstiges Klima für eine gute Abwicklung der Geschäfte. Investoren haben einen Hochgeschwindigkeitskorridor im Temeswarer Bürgermeisteramt. Wir behandeln sie mit aller Aufmerksamkeit, so dass sie ihre Investitionen in die Praxis umsetzen.”

Die ausländischen Investitionen, die in Temeswar herangezogen worden sind, sind mit Kapital verschiedener Nationalitäten getätigt worden, aber die meisten Investoren sind aus Deutschland, Italien, Frankreich, den Vereinigten Staaten und Ungarn gekommen. Wir finden hier multinationale Unternehmen wie etwa den Reifenhersteller Continental, den Autokomponentenhersteller Hella, DRÄXLMAIER, den Automobilkomponentenhersteller für BMW, Delphi Packard, TRW Automotive, das Automobilkomponentenwerk Kromberg&Schubert, das Werk für Elektronikbauteile Flextronics, Zoppas oder Unternehmen wie Linde Gas, Procter&Gamble, Nestle, Mahle, DM, Profi usw.

Es gibt im Landkreis mehrere Unternehmen, die mehr als tausend Mitarbeiter beschäftigen. Dies ist eine landesweit einmalige Leistung (mit Ausnahme von Bukarest). Die Zeitschrift Capital berichtete vor drei Jahren, dass Temesch, Rumäniens größter Landkreis, „einer der meistentwickelten Kreise des Landes ist, weshalb auch der Lebensstandard laut Statistiken über dem natio­nalen Durchschnitt liegt. Sechs Unternehmen erwirtschaften jährlich Umsätze von mehr als einer Milliarde Lei.”

Eine PIAROM-Studie, die zu Beginn des Jahres auf der Grundlage der Daten von 2018 durchgeführt worden ist, zeigt, dass ein einziger Landkreis wie Temesch Geschäfte betreibt wie alle ansässigen Unternehmen aus Mehedin?i, Teleorman, Covasna, Giurgiu, Vaslui, Cara? Severin, Boto?ani, S?laj und Tulcea, also wie neun Kreise. Ziarul Financiar verzeichnete im Oktober 2018, dass der Landkreis Temesch, in dem mehr als 200.000 Mitarbeiter tätig sind, in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Geschäftspole Rumäniens geworden ist, das Investoren aus allen Tätigkeitsbereichen anzieht, von der Herstellung von Autokomponenten, Ausrüstungen, Lebensmitteln, Getränken, bis hin zu Dienstleistungen wie Transport oder Tourismus. „Mit einem Unternehmensumsatz von 62 Milliarden Lei liegt Temesch auf dem zweiten Platz nach dem Geschäftspol Bukarest-Ilfov, was mehr als 43% des Umsatzes von 1.400 Milliarden Lei (304 Milliarden Euro) aller Unternehmen aus Rumänien entspricht”, so die zitierte Publikation. Alleine im letzten Jahrzehnt sind in Temesch mehr als 30.000 Arbeitsplätze geschaffen worden, und die Arbeitslosenquote ist nach Angaben der Nationalen Agentur für Arbeit (ANOFM) unter 1% gesunken, während die nationale Arbeitslosenquote während derselben Zeitspanne 3,46% betrug.

Seit dem Jahr 1990 hat der KMU-Sektor eine wichtige Entwicklung innerhalb der Kreiswirtschaft erlebt, wobei dieser gegenwärtig rund 95% aller beim Handelsregister eingetragenen Unternehmen, einschließlich autorisierter natürlicher Personen oder Familienverbände, darstellt. Die Analyse der KMU-Struktur hebt die Tatsache hervor, dass der größte Teil der Arbeitskraft aus diesem Sektor in den Bereichen Dienstleistungen, Handel und Import – Export tätig ist. Der Wachstumstrend des Sektors der kleinen und mittleren Unternehmen stellt ein bedeutendes Potenzial des Landkreises Temesch dar. Die Dynamik dieses Sektors spiegelt sich in einem Anstieg des Beitrags der kleinen und mittleren Unternehmen zum BIP wider (mehr als 40%). Die besonderen Bedingungen des Landkreises Temesch, die bestehende unternehmerische Tradition in der Region, die westliche Mentalität der Einwohner und der unveränderte Initiativgeist während der kommunistischen Zeit, die geografische Lage, der Lebensstandard der Bevölkerung, der im westlichen Teil höher ist als im Rest des Landes, sowie auch die hiesigen relativ hohen Kapitalisierungsfähigkeiten, begünstigen die kontinuierliche Entwicklung des Sektors der kleinen und mittleren Unternehmen. Besonders in den ersten Jahren nach der Revolution verzeichneten die Dienstleistungen infolge der Umsetzung der marktwirtschaftlichen Grundsätze in Rumänien ein explosionsartiges Wachstum. Zusammen mit lokalen Unternehmen mit kundenorientierten Dienstleistungsangeboten führt die Anwesenheit renommierter internationaler Unternehmen dazu, dass die Verbesserung der Qualität der Dienstleistungen auf dem lokalen Markt die Hauptpriorität dieser ist. Auch die produktiven Aktivitäten verzeichnen in den letzten Jahren einen Wachstumstrend und werden zunehmend von staatlichen Organen durch gezielte Wirtschafts- und Fiskalpolitiken unterstützt. Das landwirtschaftliche Potenzial des Landkreises Temesch ist aufgrund der großen landwirtschaftlichen Flächen und der hochwertigen Böden bemerkenswert. Obwohl es derzeit unterfordert ist, wird es in Zukunft voraussichtlich zu einem der attraktivsten Angebote für wirtschaftliche Zusammenarbeit im Landkreis Temesch für die ausländischen Investoren werden. Eine der ältesten und wichtigsten landwirtschaftlichen Tätigkeiten des Landkreises mit günstigen klimatischen Bedingungen ist der Anbau von Getreide und Pflanzen für technische Zwecke, und in den meisten Gemeinden in der Ebene und auf den Hügeln des Landkreises wird Weinbau erfolgreich betrieben. Orte wie Reca?, Buzia? und Giarmata sind in Bezug auf die Weinproduktion im In- und Ausland berühmt. Die Gemüseproduktion in einzelnen Kleinstbetrieben ist ebenfalls eine traditionelle wirtschaftliche Tätigkeit, insbesondere in ländlichen Gebieten in der Nähe von Stadtzentren.

Der Bericht des Plans für Nachhaltige Urbane Mobilität des Wachstumspols Temeswar, durchgeführt von BERD (EBWE-Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung) – zitiert von Forbes – zeigt, dass die Stadt Temeswar sowohl aus wirtschaftlicher als auch aus demografischer Sicht die dynamischste in Westrumänien ist und dass sie mit Klausenburg um den Status der zweitwichtigsten Wirtschaftsstadt des Landes kämpft. Ein Wettbewerbsvorteil der Stadt aus dem Westen des Landes ist der Anschluss an das europäische Autobahnnetz, was auch die Investoren angezogen hat, weil er nicht nur die Produktion fördert, sondern auch den Transport und den Export in Richtung der externen Märkte effizienter macht.

Die im Bau befindlichen Autobahnen werden die Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit Temeswars steigern und direkte Autobahnverbindungen nach Deva, Sibiu, Alba Iulia, Cluj-Napoca und Târgu Mure? ermöglichen. Dem erwähnten Bericht der EBWE zufolge sind neben der Herstellung von Autoteilen – einem extrem wettbewerbsfähigen Bereich – auch die folgenden anderen Wirtschaftsbereiche mit einer signifikanten Präsenz bei der Bildung des lokalen BIP zu finden: Herstellung von Textilien und Schuhen, Ingenieurwesen und Beratung, sowie auch Verarbeitung und Konservierung von Fleischwaren.

Gleichzeitig erfreut sich Timi?oara eines echten Interesses von Immobilienentwicklern im kommerziellen Bereich: City Business Center, Isho, Iulius Town, Iulius Mall, United Business Center (UBC).

Die lokale Wirtschaft wird von deutschen Unternehmen der Automobilindustrie dominiert, so dass die größten Gesellschaften mit vorwiegend deutschem Kapital wie Continental Automotive Products, Continental Automotive Romania, ContiTech (alle dem Continental-Konzern zugehörig), Delphi Packard Romania, Hella Romania, Mahle Motor Components, laut Berechnungen der Zeitschrift ZF, die auf Daten des Handelsregisters und des Finanzministeriums basieren, mehr als 20% der Gesamtzahl der von allen in diesem Landkreis registrierten Unternehmen getätigten Geschäfte ausmachen.

Temeswar wird im Jahr 2021 die Kulturhauptstadt Europas sein. PressOne zufolge kann dieser Titel, zusätzlich zur Zufuhr von Mitteln für Tourismus- und Kulturprojekte, die Stadt auch im Rahmen der nationalen kollektiven Vorstellung neu definieren und „ihren Halo-Effekt und ihre Popularität steigern”. „Timi?oara hat eine sanfte, aber effiziente Entwicklung, ohne starke Entgleisungen und ohne erstaunliche Sprünge. In den kommenden Jahren werden die Lebensqualität und die Wirtschaft in Temeswar in einem traditionell gewordenen Rhythmus stark wachsen”, so eine PressOne-Analyse. Es ist offensichtlich, dass Temeswar, europäische Kultureinrichtung im Jahr 2021, langfristig das „wirtschaftliche Schaufenster des Landes” bleiben wird.

Daniel Apostol

Selgrosrot
Romania
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