Der Frankenschock: Europas eigene Subprimekrise

von Alex Gröblacher

Es waren eigentlich vertraute Bilder, die seit Mitte Januar durch die rumänischen Medien liefen. Bukarest und andere Großstädte hatten bereits in den letzten Jahren eine gehörige Portion Protestkultur erlebt, mit kleineren und größeren Demonstrationen gegen Bergbauprojekte und Fracking und ACTA.

Doch diesmal ging ein ganz anderes Kaliber auf die Straße. Keine Ökofreaks, keine Indignados, keine Attac-Anhänger, deren Protest man leichtfertig als unsinnig ablehnen kann. Sondern hart arbeitende Angestellte und Mittelständler, denen jetzt das Wasser bis zum Kragen steht, seitdem die Schweizer Notenbank am 15. Januar die Kursbindung des Franken an den Euro aufgegeben hat. Das Rückgrat des neuen kapitalistischen Rumänien beugt sich seit Jahren unter der Last immer höherer Kreditraten, die von der Entscheidung der Berner Zentralbanker ausgelöste Kettenreaktion der Frankenkurse war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Die Lage, in der sich diese Menschen befinden, ist auf eine komplexe Konstellation aus den Jahren 2005 – 2008 zurückzuführen. In der damaligen Ursuppe schwamm vieles mit: signifikante Steuerentlastungen, billiges Geld von den internationalen Kapitalmärkten, die globale Konjunktur, der kulturelle Stellenwert des Eigenheims in Rumänien, die Profitgier. Das Kartenhaus stürzte nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise ein. Nicht nur Großinvestoren, die angesichts des Wertverfalls auf dem Grundstücksmarkt ihre Projekte aufgeben mussten, wurden in den Ruin getrieben. Krisenbedingt verloren viele Angestellte der in Rumänien vertretenen multinationalen Konzerne und Zulieferer ihren Job oder mussten erhebliche Gehaltskürzungen akzeptieren. Als Rumänien im Jahr 2010 die Staatspleite drohte, kam es auch im öffentlichen Dienst zu Einkommensverlusten von bis zu 40%. Und das war erst der Anfang: der Kapitalschwund führte dazu, dass die Landeswährung, der Leu, weiter abstürzte. Die meisten Immobilienkredite waren aber in Fremdwährung vergeben worden. Die Schuldner wurden also doppelt getroffen – sie hatten weniger Lei auf den Gehaltskonto und dieses Geld war immer weniger wert. Frankendarlehen wiesen zudem auch eine Besonderheit auf. Sie waren aufgrund lockerer Konditionen – geringere Zinsen, lange Laufzeiten, niedrige Eigenkapitalquote, die sich falls nötig auch finanzieren ließ – von solchen Kunden in Anspruch genommen worden, die sich für Kredite in Euro nicht qualifiziert hatten. Im Endeffekt kam es dazu, dass die Ratenzahlungen sich mit der Zeit mehr als verdoppelten, nachdem der Frankenkurs stieg und auch die Banken die Zinsen anhoben. Eine vorläufige Entlastung kam, als die Schweizer im Herbst 2011 den Frankenkurs bei 1,2 zum Euro deckelten. Doch unter diesem Deckel brodelte es, und nach der Freigabe entlud sich die Spannung explosionsartig – zeitweilig war der Franken sogar mehr wert als der Euro.

Sofort setzte in Rumänien das Blame-Game ein – das Spiel der gegenseitigen Schuldzuweisungen. Wie immer in solchen komplexen Situationen ist aber die Schuld geteilt: Viele Kunden haben sich einfach überschätzt. Sie wollten unbedingt ein Eigenheim und ignorierten verblendet jedes Risiko in Verbindung mit den Devisenkursen und Zinsen. Denn im Kleingedruckten der Verträge stand zumeist, dass die Bank sich das Recht vorbehält, die Zinsen anzuheben. Allerdings haben die Bankbeamten es offenbar vermieden, die Kunden allzu nachdrücklich auf die Risiken hinzuweisen. Bonitätsregeln wurden für die Kreditnehmer besonders liberal ausgelegt ((bei der Verschuldungskalkulation sind z.B. Einkommen überbewertet worden). Priorität der Banken war, Kredite zu verkaufen. Der Staat – in diesem Fall die Rumänische Zentralbank – hielt sich in der Ausübung seiner Regulierungsfunktion eher zurück. Nur trocken zu kommunizieren, dass Kunden Kredite am besten nur in der Währung aufnehmen sollten, in der sie auch bezahlt werden, reicht offenbar nicht aus. Es ist wie auf einer Party – in der feuchtfröhlichen Umgebung werden halblaute Aufrufe an die Vernunft überhört, niemand will als Spielverderber auftreten und die Getränke wegsperren, am nächsten Morgen haben alle Kopfschmerzen – und jeder meint, die anderen doch gewarnt zu haben.

Eine Euphorie der Kredite in Schweizer Franken erlebte allerdings nicht nur Rumänien. Auch in Deutschland, Österreich, Ungarn, Polen, oder Kroatien versetzten die Schweizer Notenbanker Massen von Kreditschuldnern jäh in Katerstimmung. Gravierende Unterschiede bestehen im Ausmaß des Problems. Nach Schätzungen der Zentralbanken, Finanzaufsichten oder Schufa-ähnlichen Behörden in der Region, lauten 18 Prozent aller privaten Kredite in Österreich auf Schweizer Franken. In Ungarn sind es 26 Prozent, in Polen 14. Der Anteil an den Hypothekendarlehen ist bedeutend höher. In Polen soll er bei 40% liegen. Auch die veranschlagten Summen liegen zum Teil weit auseinander: Ungefähr jeweils 30 Milliarden Franken in Polen und Österreich, etwa 13 Milliarden in Ungarn, in Kroatien rund 3,5 Milliarden. Die Zahl der betroffenen Personen – auch ganz unterschiedlich. Zwischen 1,5 Millionen in Polen und 60.000 in Kroatien. In Rumänien sind die Probleme weniger gravierend, als man ausgehend von der hitzigen Medienberichterstattung annehmen könnte.

Fast 70% der etwa 80.000 Frankenkredite entfallen nach Daten der rumänischen Zentralbank auf drei Banken: Bancpost (32%), Volksbank (24%) und Piraeus Bank (20%). 11% der Darlehen liegen bei der Raiffeisen, 7% bei der Banca Româneasc? und 2% bei der OTP Bank. Betroffen sind umgerechnet etwa zwei Milliarden Euro. 35% der Kredite sind Hypothekendarlehen. 75% der Schuldner haben ein monatliches Nettoeinkommen von unter umgerechnet 560 Euro. Bei etwa 40% der Kredite besteht eine Restlaufzeit von über 15 Jahren.

Das Problem der Frankenkredite wurde in Rumänien lange Zeit zwar nicht ignoriert, aber auch nicht übermäßig thematisiert. Der massive Wertverlust des rumänischen Leu zum Schweizer Franken in den ersten Stunden und Tagen nach der Freigabe der Schweizer Währung durch die Berner Notenbank setzte die brenzlige Lage aber auf die Tagesordnung der Politik, die Tausende von Demonstranten in Bukarest und anderen Städten nicht einfach ignorieren konnte. Eilig hörten die parlamentarischen Fachausschüsse die Verantwortlichen der rumänischen Zentralbank an, Politiker aus allen Lagern echauffierten sich. In der Praxis zeigte die nach der anfänglichen Empörung sachlich geführte Diskussion jedoch, dass die Auswirkungen des Eklats nicht leicht zu beseitigen sind.

Die überforderten rumänischen Kunden verlangten, dass auch Rumänien eine Lösung nach ungarischem Modell anpeilt. Sie wollen, dass die Frankendarlehen in Leikredite umgerechnet werden. Als Berechnungsgrundlage sollte der Kurs des Vertragsabschlusstages zusätzlich 20% Aufschlag dienen. Doch gegen diesen Ansatz wehrte sich die rumänische Zentralbank – ein Gesetz, das die Banken zur Umrechnung der Kredite zwingt, sei aus mehreren Gründen nicht unproblematisch und kaum machbar, denn die Banken würden dazu verurteilt, pauschal ein Verlustgeschäft hinzunehmen – die Kosten für eine derartige Lösung würden eine Milliarde Euro oder 0,6% des BIP des Landes veranschlagen. Die Bilanzen der rumänischen Banken seien im Moment derart schlecht, dass ihnen zusätzliche Belastungen nicht zuzumuten sind. Und tatsächlich: 2014 war für die Geldhäuser ein extrem schlechtes Jahr. Ihre Verluste summierten sich nach Angaben der Zentralbank BNR auf fast eine Milliarde Euro. Und 2014 ist nur die Spitze, denn von den letzten 5 Jahren warf nur 2013 einen Gewinn von gerade 10 Millionen Euro ab. Verworfen wurde auch die Idee, den Kurs – wie in Kroatien – auf einem bestimmten Niveau zeitweilig einzufrieren. Das sei schon deshalb unpraktisch, weil der Leu-Franken-Kurs nicht unmittelbar bestimmt, sondern vom Leu-Euro-Kurs abgeleitet errechnet wird. Auch andere Vorschläge, wie zum Beispiel die steuerliche Absetzbarkeit der Extrazahlungen, taugten kaum: Die Kosten würden so auf den Steuerzahler übertragen werden. Zahlen müssten in solchen Situationen auch Menschen, die keine Kredite haben. Es sei absurd, im Endeffekt Leute zu bestrafen, die sich vorsichtig verhalten hatten und keine Frankenkredite aufnahmen. Außerdem habe sich ja nicht nur der Franken aufgewertet, sondern auch der Euro – und niemand sei um die Kunden besorgt, die unter höheren Euro-Raten ächzen. Von mehreren Parteien kam die Initiative, man solle doch ein Gesetz zur Privatinsolvenz verabschieden, um den Menschen zumindest zu einem Neustart zu verhelfen und ihnen durch den Verbot der Pfändung von Wohnungen ein Dach über dem Kopf zu lassen – dagegen sprach sich allerdings der Internationale Währungsfonds aus. Er rügte, dass keine aussagekräftige Wirkungsstudie vorliegt und dass in der vorgeschlagenen Form die Schuldner jede Motivation für die Bezahlung ihrer Raten verlieren.

Die Zentralbank regt hingegen als Alternative an, dass Kunden und Banken punktuelle, fallbezogene Lösungen vereinbaren. Im übertragenen Sinne scheint die BNR sagen zu wollen, dass die gesetzliche Regelung eine zu klobige Waffe ist, während in Wirklichkeit eher chirurgische Feineingriffe gefragt sind. Das liegt auf jeden Fall auch im ureigenen Interesse der Banken. Bestehen sie stur auf der vollen Rückzahlung, egal wie bedrängt der Kunde ist, riskieren sie, dass der jeweilige Kredit platzt. Aber faule und geplatzte Kredite sind Gift für die Bilanzen. Und die Wohnungen, mit denen die Kredite vor einigen Jahren garantiert wurden, sind heute nur einen Bruchteil wert. Die Banken haben heute schon genug Schwierigkeiten, ihr Portfolio von eingezogenen Immobilien gewinnbringend abzustoßen. Tatsächlich sind einige Banken auch einen Schritt auf die Kunden zugegangen: OTP Bank, Millenium Bank, Raiffeisen und Banca Româneasc? haben ihre Zinssätze um jeweils einige Prozentpunkte vergünstigt; die Volksbank reagierte mit einer Einfrierung des Frankenkurses auf den Stand vom 31. Dezember 2014.
Für alle Stakeholder – Schuldner, Banken, Staat – folgt ein schweres Jahr. Wichtig ist es, die Nerven zu bewahren. Denn mit der Zeit, das haben auch die letzten Tage gezeigt, beruhigt sich auch der Kurs.

Romania
Lesen Sie den vorherigen Eintrag:
2015 – das Jahr in dem die ASF den Umstrukturierungsprozess vollendet

2015 - das Jahr in dem die ASF den Umstrukturierungsprozess vollendet Von Daniel Apostol Im letzten Monat des Jahres 2014,...

Schließen