Der Kanzler aus dem Wunderland

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Alice, Lewis Carrolls erdachte Figur, erlebt ein unverschuldetes Abenteuer, nachdem sie in ein Kaninchenloch im Wunderland gefallen ist. «Wie komisch wird es scheinen, unter den Leuten herauszukommen, die mit dem Kopf nach unten gehen», sagt die Hauptfigur.

Wenn Donald Trump den Rückbesuch für das im Februar 2019 stattgefundene Treffen mit dem rastlosen österreichischen Bundeskanzler wahrscheinlich antreten und am Ballhausplatz (Sitz der österreichischen Regierung in Wien) empfangen wird, könnte er fragen: «Auch ihr lebt in Europa im Wunderland? Seht ihr eure andere Hälfte mit dem Kopf nach unten? Oder hängt nur dein europäisches Bild umgekehrt?

Der jugendliche Eifer

Sebastian Kurz rasanter Aufstieg ist bereits ein interessantes Paradebeispiel. Noch scheint er nicht mit dem «Sonnenkönig», dem sozialistischen Kanzler Bruno Kreisky (1970 – 1983) zu ringen, hat aber immer noch Zeit. Sebastian zeigt beispielhaft, wie es heute in Politik und Wirtschaft so geht, wo jugendlicher Eifer oft zu einer positiven Diskriminierung führt. Er wurde im Alter von 24 Jahren Staatssekretär und im letzten Jahr wurde er zum jüngsten amtierenden Regierungschef der Welt gewählt. Danach, in den fb-Zeiten wohl verständlich, ließ er sofort auch von der Ideologie locker im Vergleich z.B. zum Kanzler Schüssel (2000-2007), den Rest erledigt die PR-Maschine und seine sprichwörtliche Arbeitsdisziplin! Hinzu seine (fast) abwesende Rhetorik. Sie ist nur ein hinderlicher Luxus der noch Misstrauen hervorruft. Davor hat selbst Cicero schon gewarnt.

Der 1986 geborene Sebastian, duzte öffentlich Klaus Werner, geboren 1959, als er als österreichischer Bundeskanzler dem rumänischen Staatspräsidenten, symbolisch für die Weitergabe der EU-Ratspräsidentschaft, den EU-Wimpel, die kleine dreieckige Fahne mit den 14 europäischen Sternen auf blauem Grund, welcher als Vorrangzeichen dient, am 21. Dezember 2018 in Bukarest überreichte. Paar Tage zuvor wurde dem ehemaligen Wiener Staatsoperndirektor, dem aus Timi?oara stammenden Ioan Holender ein Interview in der Wiener Tageszeitung KURIER mit dem Titel „Rumänien hat keinen Kanzler Kurz» veröffentlicht, über den Holender hinzufügte: «der gescheite Sätze sagen kann“.

Wer ist Sebastian Kurz?

Die Großeltern waren Donauschwaben, er ist unverheiratet, konservativ und gesprächig, aber nicht irgendwie sondern vernünftig! Geduldig, sogar unerschütterlich mit einem Gesicht, das keine Spur von Emotionen hinterlässt, wie Angela Merkel in ihren guten Zeiten, Kurz ,»wie ein Fels in der Brandung» ist vom 18.12.2017 an der Spitze einer Koalition seiner eigenen Volkspartei (Das neue ÖVP, 61/183 parlamentarische Mandate) und den Freiheitlichen, mit rechtsliberaler Orientierung (FPÖ). Viele vertrauen ihm zu Recht und bewundern sein Talent, seine eigene Politik anpassend zu überwinden, die manchmal umstritten und schwer zu akzeptieren ist (wie zum Beispiel für Bukarest, da Zulagen für in Österreich arbeitende EU-Bürger und ihre nicht ansässige Kinder indexiert wurden) indem das Postkartenbild – Österreichs, dem wohlhabenden, aber neutralen Land, in dem der Kanzler sich persönlich um die Sicherheit des Bürgers sorgt, stetig propagiert wird. Er erfreut sich einem zuverlässigen, andauernden und beneidenswerten APA / OGM-Vertrauensindex. Mehr als 60% beantworteten positiv die Frage: «Vertrauen Sie Kurz?» Als Außenminister, als er die sog. Balkan-Einwanderungsroute in den Westen sperrte, ging es ihm noch besser. („einen ordentlichen Schutz unserer Außengrenzen“). Kurz erschien 2018 auf dem Cover von «Time Magazine» und «Newsweek» und hält weiterhin den Aufmacher der internationalen Presse.

Wir sind keine Pädagogen

Was die Koalitionspartner anbelangt, kann Sebastian nur sehr zufrieden sein. Die FPÖ befindet sich in einem respektablen Abstand von etwa 8%. Die Dialektik der Regierung verläuft reibungslos. Während der Kanzler über strategische Fragen besorgt ist, sieht man ihn zusammen mit Donald Trump, besitzt Jareds, Ivankas Ehemann, Telefonnummer und unterzeichnet den Migrationspakt nicht, obwohl er in der letzten Hälfte 2018 die Präsidentschaft des EU-Rats innehatte, hat HC Strache (geb. 1969), Vizekanzler seitens der FPÖ, immer noch Schwierigkeiten, als regierender Parteivorsitzender und damit irgendwie an der Leine seines jungen Regierungschefs, sich nicht „zähmen“ zu lassen, dazu passend das Cover der KRONEN ZEITUNG in Wien am letzten Silvester: „Friede-Freude-Eierkuchen“ und die weiße Taube ist auch dabei.

Wie lange noch die Flitterwochen der beiden Koalitionspartner halten, ist ungewiss. Türkis ist die politische Farbe der ÖVP-Bewegung von Kurz, die FPÖ war und bleibt… blau. Über diese Farbenlehre aus aktuellem Anlass, siehe dafür: „ Das Aikido“.

Am 30.12.2018 startete die KRONE – Bilderserie, welche letztes Jahr die öffentliche Meinung geprägt hat, mit einer Momentaufnahme vom Staatsbesuch von Sebastian Kurz und Bundespräsident Alexander van der Bellen (geb. 1944), die einen Pandabären beim faulen Verzehr einer Karotte lächelnd bewundern, im chinesischen Zoo. Die PR hat ihr Ziel erreicht. Die Geschichte mit dem «Yuri» -Bären kennen auch Kinder auf der Straße.

Während der EU-Präsidentschaft ließ die FPÖ dem Kanzler die EU-Bühne völlig frei, aber dem Schnitzer von Außenministerin Karin Kneissl, die im September auf eigener Hochzeit mit Putin getanzt hatte, somit zum Teil einer großen Medieninszenierung «Gigolo-Diplomatie»-Typs ihres illustren Gastes wurde, konnte dennoch nicht entgangen werden.

Der Präsident des Nationalrates, das österreichische Parlament, Wolfgang Sobotka (ÖVP), ein ehemaliger Musiklehrer, wird oft mit dem Bonmot zitiert: «Wir sind keine Pädagogen. Man geht keine Koalition ein um seine Partner zu ändern.“

Selfies und die Subsidiarität, „göttliche Geschenke“?

Mit einem tadellosen Gang, einem dunklen Anzug, einer scharf gebügelten Hose und einem weißen Hemd mit Hai-Kragen, einer dunklen Krawatte mit einem einfachen Knoten, lacht Kurz immer ruhig und bewegt seinen Kopf fast unmerklich von hinten nach vorn. Sein durchs Zurückkämmen betonte Haar definiert kokett seine Körpergröße, dem Präsident Iohannis ähnlich, zumal dieser mit dem Österreicher eigentlich wenig gemein hat.

In Bukarest plädierte auch Kurz für die österreichischen Interessen, da dies zu seinem Aufgabenbereich gehört. Kurz versicherte bei den Fragen der anwesenden Presse nach der sogenannten «Steuer auf Gier», dass ihm der rumänische Arbeiter härter leid tue („ich mache mir Sorgen um den rumänischen Standort“), als die österreichischen Firmen, die jederzeit „ihre Zelte abbrechen“ könnten.

Am Aschermittwoch 2019 wird Kurz so zitiert: „In Europa müssen wir in den großen Fragen geeint auftreten und in den kleinen Fragen mehr darauf achten, dass die Kompetenz wieder zu den Ländern kommt”. Die Subsidiarität als politisches Credo bietet die Gelegenheit, viele leicht zufrieden zu stellen und immer noch ein überzeugter Europäer zu bleiben. Er lässt sich unbeschwert mit den Leuten auf der Straße posieren, da er weiß, dass Selfies „göttliche Geschenke» sind, sich geschwind und ohne Kosten verbreiten.

Der Schweigekanzler ruft die Presse an

Kurz wurde als „Schweigekanzler“ von der, nach dem Wahldebakel 2017 kaum vorhandenen sozialdemokratischen Opposition genannt, weil seine Antworten manchmal zurückhaltend sind, dennoch weigert er sich nie, eine Frage der Presse zu beantworten. Spricht Schulenglisch! Seine Aussprache ist klar artikuliert und fehlerlos. Die Endsilben spricht er genau aus und ist… trotzdem natürlich. Sein Singsang ist der einer selbstsicheren Hauptfigur. Kurz gibt aber nicht den Eindruck nonchalant zu sein, wie einige der Wiener… „Kaviar-Linke“. Er vertraut auf seinen engen Kreis von Beratern, alte Jugendfreunde, die er «Überzeugungstäter» nennt, für ihn sind sie keine «Söldner», die Ratschläge gegen Geld geben. Schläft nur kurz („zumindest… fünf Stunden“), offenbar trinkt er keinen Kaffee oder Alkohol. Der Kanzler steht früh auf, fliegt economy oder low cost, macht Fitness und ruft gelegentlich die Presse an, wenn er sie loben oder kritisieren will.

Auf schmalem Grat

Der Dokumentarfilm über Sebastian Kurz von Michael Mandlik, der den Kanzler im Dezember 2018 auch nach Bukarest seitens des deutschen Senders ARD begleitete, trägt den Titel «Auf schmalem Grat. Der riskante Politkurs des Sebastian Kurz». Zum ersten Mal werden Bilder seiner Privatadresse im Wiener Stadtteil Meidling gezeigt. Etwa 1,28 Millionen Zuschauer sahen sich die im Januar 2019 ausgestrahlte Reportage an und die heute noch auf youtube zu sehen ist.

Umgekehrtes Europa

In den luxuriösen Arbeits- und Mitten in Wien, in den luxuriösen Arbeits- und Empfangsräumlichkeiten des Kanzlers, überrascht das Bild! Mich erinnerte es an den verdrehten „Dingen“ im… Wunderland. Es unterscheidet sich stark und nicht nur chromatisch von der stilvollen Patina verschiedener Essenzen aus kostbarem, braunem Holz. Es ist ein Bild des deutschen Grafikers Olaf Osten (geb. 1972) mit dem Titel «Pendeln 064» und stellt eine riesige politische Landkarte Europas auf dem Kopf dar, über der Osten die Szene eines typischen Wiener Tages in der Freizeitgegend MuseumsQuartier, wo viele junge Leute ihren Sommerabend in einer einladenden grünen Umgebung verbringen, wahrscheinlich mit einem Tintenstift skizzierte.

„Kunst als Accessoire der Mächtigen“, konnte in den SALZBURGER NACHRICHTEN gelesen werden und da war dieses Bild, das Sebastian Kurz seit seinem Amtsantritt als Regierungsmitglied zu begleiten scheint, zu sehen samt dem Herrn Bundeskanzler mit ausgestrecktem Zeigefinger. Bis ich den Bundeskanzler treffen werde und ihn vielleicht fragen kann warum er sich gerade dieses Bild ausgewählt hat… versuche ich selbst eine mögliche Antwort zu skizzieren. Das Bild ist einfach passend, um ihm immer wieder die Vision von der Zukunft zu geben, in einem sich wandelnden Europa, das sich von Angela Merkel verabschiedet und der Sebastian Kurz wahrscheinlich irgendwann folgen könnte, aus einem kleinen, neutralen Wien, irgendwann vielleicht zum «Neuen Brüssel“ geworden, mit ihm selbst als Leader, vielleicht gar auf die europäische Führung vorbereitet, nach einigen vollen Amtsperioden und zwei Jahrzehnten am Ruder in Wien, eine zeitliche Dimension suggeriert von dem FALTER – Chefredakteur, ein eher linksstehendes Wiener Blatt, der im Film des deutschen Fernsehens erwähnt wird. Das Blatt hat im Juni 2018 eine Karikatur veröffentlicht welche an die EU-Fahne erinnert jedoch keine Sterne sondern Stacheldraht mit scharfkantigen Graten in der gewöhnten runden Form hat. Eine Figur welche vielleicht dem Kanzler ähnlich scheint ist als stiller Zeuge links unten zu sehen.

Hut ab

To turn upside down ist die notwendige Führungsqualität mit „aufgekrempelten Ärmeln“ eines zukünftigen „europäischer Manager“. Sebastian Kurz, der geschickteste österreichische Politiker seit der Kreisky-Ära, versteht sich als «ein Brückenbauer». Im Wahlkampf 2017 erschien eine sogenannte Maske des künftigen Kanzlers wie eine Art Karikatur mit fleischigen Lippen. (siehe das Bild) Die österreichische Philatelie veröffentlicht ständig die historische Briefmarke mit dem Kaiser Franz Joseph. Verkauft sich am besten. Genau wie dieser Kurz mit seinem Motto «Arbeiten, statt streiten!», vor eigener, stabiler, fast 40% Wählerschaft.

dr. Alex Todericiu

Romania
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