Die Kunst des Machbaren

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Den Personalmangel in der Wirtschaft erleben Menschen in Rumänien auf eine sehr persönliche Weise: als zusätzliche Belastung am Arbeitsplatz, weil zu wenige Kollegen da sind oder als Gast im Restaurant, weil die Bedienung sich verspätet.

Bis neulich war aber undeutlich, wie viel Geld die rumänische Wirtschaft aufgrund der Krise am Arbeitsmarkt verliert. Eine aktuelle Studie von PriceWaterhouseCoopers bringt eine Zahl ins Gespräch. die aufhorchen lässt: über sieben Milliarden Euro. Anders gesagt: auf der Basis einer Umfrage unter Firmenchefs ermittelte die internationale Beratungsfirma, dass die Einbußen bei 3,7% des BIP liegen. Für die Unternehmer ist dieser theoretische Mittelwert harte Realität. 36% – mehr als ein Drittel – erklärten in der Umfrage, dass die Fachkräftedefizite zu einem Verlust von bis zu 5% ihres Umsatzes führen, während einer von zehn Geschäftsleuten die Verluste auf 5-10% des Umsatzes schätzen. Bei 6% der Befragten sind die Umsätze 10% unter dem Potenzial. Selbst wenn eine knappe Hälfte der Unternehmer keine vom Personalmangel verursachten Verluste klagt, ist das offenbar ein ernstes Problem für die andere Hälfte.

Eine große Schwierigkeit ist für die Firmen, Techniker und Verwaltungsangestellte zu finden – 68% der rumänischen Unternehmer sprachen bei der Umfrage dieses Problem an, der höchste Anteil in Mittel und Osteuropa. 50% der Firmen stoßen auf Schwierigkeiten bei der Einstellung von Verkaufspersonal, 46% finden keine Ingenieure und 40% keine Ausbilder. Einer von fünf Unternehmer sieht Schwierigkeiten bei der Besetzung von Führungspositionen in der Firma. Genauso viele haben Probleme, Finanz- und Buchhaltungsexperten zu finden, 18% werden schwer bei der Suche nach IT-Fachleuten fündig.

Die Personalkrise trifft die gesamte Region Mittel – und Osteuropa (MOEL) – die von ihr im Gebiet verursachten Gesamtverluste summieren sich auf 358 Milliarden Euro, mehr als die Wirtschaftsleistungen Kroatiens, Ungarns und der Slowakei zusammengerechnet, so der Bericht von PwC, für den die internationale Beratungsfirma zwischen Februar und April fast dreitausend Entscheidungsträger in Firmen mit mindestens 10 Millionen Euro Umsatz aus 53 Länder in Europa, dem Nahen Osten und Afrika, davon 600 aus MOEL.

Auch stark entwickelte Volkswirtschaften haben Probleme, die Lücken am Arbeitsmarkt zu füllen. Die Schweiz braucht beispielsweise nach einer im Juli von der Bank UBS vorgelegten Studie eine halbe Million Arbeitnehmer in den nächsten 10 Jahren, doch selbst mit einer Einwanderung von netto 60.000 Menschen kann der Arbeitsmarkt nur mit einem Input von 200.000 neuen Beschäftigten rechnen. UBS stellt sich daher auch auf einen gesellschaftlichen Wandel ein, wobei aufgrund der sehr hohen Nachfrage im Gesundheits- und Pflegesektor Männer in diese eher von Frauen geprägte Berufswelt vordringen werden.

Doch die Länder in der Region MOEL setzen sich mit einer einzigartigen Kombination auseinander: die wenigen ausgebildeten Fachleute wandern aus, das Bildungssystem liefert nicht genug Absolventen, und der Nachwuchs nimmt auch durch die negative Bevölkerungsentwicklung immer mehr ab. Auswanderung und demografischer Rückgang treffen Rumänien besonders stark: mehr als jeder fünfte Bürger im Erwerbsalter lebt im Ausland, der größte Anteil in der EU. Und in den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurde die geringste Anzahl von Kindern seit 2014 geboren.

Für die Firmen als wichtigste Akteure der Wirtschaft ist klar, dass sie sich der Situation stellen müssen. 80% der Industrieunternehmen kämpfen mit Personalschwierigkeiten – und sind entschlossen, ihre Probleme durch erhebliche Investitionen in die Digitalisierung in Griff zu kriegen. Die Marktforscher der Firma Cult Market Research haben im Auftrag des Bildungsanbieters Academia Industriala 300 Unternehmen aus der Industrie über ihre Pläne befragt und so herausgefunden, dass die meisten (fast 80%) in die Produktion investieren wollen, viele aber auch in Kontrolle (50%) und Planung (46%).

Die Studie zur Digitalisierung in rumänischen Industrieunternehmen stellt fest, dass die meisten Unternehmen die Digitalisierung als Hauptfaktor der Effizienz empfinden – neue Technologien, Robotik, Cloud Services, intelligente Systeme und Big Data spielen dabei eine große Rolle. Trotzdem kommt die Studie zum Schluss, dass Unternehmen die Vorteile neuer Technologien nicht voll ausnutzen, weil diese nur teilweise zum Einsatz kommen.

Ein Grund sind die unzureichenden finanziellen und infrastrukturellen Voraussetzungen – nur eins von drei Unternehmen aus der Industrie verfügt über die Etats und die Infrastruktur, die für die Digitalisierung erforderlich sind. Außerdem fehlt es am Personal, das den Digitalisierungsprozess stemmen kann.

Die Digitalisierung ist allerdings kein Allheilmittel. Was in Industrieunternehmen funktioniert, ist für Dienstleister sinnlos. In wenigen Jahrzehnten sind zum Beispiel Roboter als Fahrer oder Kellner oder Concierges denkbar, heute nicht. Für Hotels, Taxifirmen, Kurierdienste oder Restaurants sind die Freiräume für digitale Technologien viel geringer. Schon vor Beginn der Sommersaison klagte der Branchenverband der Hotelindustrie (FIHR), dass noch 100.000 Beschäftigte gebraucht werden.

Eine Möglichkeit wäre, in bestimmten Berufen mehr auf Fremdarbeiter zu setzen. Wie eigentlich selten, hört der Staat aus dieser Hinsicht den Unternehmern aufmerksamer zu. Die Regierung plant, die Quoten für ausländische Arbeitnehmer aus Nicht-EU-Ländern im Jahr 2019 auf bis zu 30.000 Arbeitserlaubnisse zu erhöhen, nachdem im Dezember 2018 für das laufende Jahr nur 13.500 solcher Arbeitserlaubnisse im Gespräch waren. Bereits 2018 waren in einer ersten Phase 7.000 Arbeitserlaubnisse für ausländische Arbeitnehmer erteilt worden, um die Gesamtzahl später auf 13.200 zu erhöhen.

Die Generalinspektion für Einwanderung, eine Abteilung des Innenministeriums, hat in der ersten Hälfte dieses Jahres bereits fast 11 Tausend neue Arbeitserlaubnisse für ausländische Arbeitnehmer aus Nicht-EU-Ländern ausgestellt, so die amtliche Statistik.

In den letzten Jahren waren China und die Türkei mit Abstand die beiden führenden Herkunftsländer für Gastarbeiter in Rumänien, während sie in der Folgezeit aus Vietnam, Sri Lanka, Indien und Nepal kommen könnten. Beim Neversea-Festival am Schwarzen Meer Anfang des Sommers staunten Besucher über Putzkolonnen von Nepalesen und nachdem die rumänischen und vietnamesischen Behörden 2018 ein Memorandum unterzeichnet haben, um den Zugang vietnamesischer Arbeitnehmer zum rumänischen Markt zu erleichtern, arbeiten Vietnamesen vermehrt auf Baustellen.

Auf einen flüchtigen Blick sind Gastarbeiter die einzige Lösung, da das Angebot an verfügbaren Arbeitskräften nicht gerade ausufert: die Arbeitslosigkeit beträgt gerade 4%. Aber es ist komplizierter. Denn auf der einen Seite belegt Rumänien mit mehr als 20% Jugendarbeitslosigkeit den vierthöchsten Platz in der EU und hat andererseits mit 23 Prozent auch den größten Anteil der Beschäftigten in der Landwirtschaft unter allen EU-Mitgliedstaaten. Das bedeutet, dass fast jeder vierte Arbeitnehmer in der Landwirtschaft arbeitet.

Diese Zahlen offenbaren ein Problem, auf das viele Experten hinweisen: in der offiziellen Statistik sind unter dem Begriff „Selbständige in der Landwirtschaft” eine Vielzahl von Menschen versteckt, die de facto arbeitslos sind. Der Begriff umschreibt oft Arbeitslose in konjunkturschwachen Regionen, die bestenfalls hin und wieder als Saisonkräfte einspringen.

Die Politik müsste praktisch mit gezielten Mobilitätsmaßnahmen dafür sorgen, dass die hohe Nachfrage an jungen Arbeitskräften – auch nach weniger gut qualifizierten – auf das große Angebot in den ländlichen Gebieten trifft. Das bedeutet auch Anreize anders aufstellen, denn in Wirklichkeit leben viele selbständige landwirtschaftlich Beschäftigte in Haushalten, in denen es gemischte Einkommensquellen gibt, darunter staatliche Leistungen, glauben Soziologen. Einige dieser Menschen arbeiten auch vorübergehend im Ausland, wo sie genug verdienen, um einige Monate in ihrem Heimatland zu leben, ohne zu arbeiten. Mit rund 3,5 Millionen Rumänen im Ausland erhalten viele Menschen in armen ländlichen Gebieten regelmäßig Geld von ihren Verwandten, die in reichen westlichen Ländern arbeiten, was zu einem geringeren Interesse an einer Beschäftigung führt.

Ein weiterer relevanter Fakt: Rumänien hat unter den 28 Mitgliedstaaten der Europäischen Union einen der niedrigsten Anteile an Teilzeitbeschäftigten, nämlich 6% und damit weit unter dem EU-Durchschnitt von 19%, wie Eurostat-Daten zeigen. Von den Werten in Holland (47%), Österreich (28%) oder Deutschland (27%) trennen Rumänien Welten.

Nicht zuletzt wäre auch der Versuch denkbar, ausgewanderte Rumänen zur Heimkehr zu motivieren. Das taugt jedoch nur zur punktuellen, nicht aber zur flächendeckenden Lösung und bisher scheiterten solche Versuche sowieso.

Digitalisierung, Gastarbeiter, eine bessere Ausschöpfung der vorhandenen Arbeitsmarktreserven, eine wirksamere Stellenplanung, die auch Teilzeitkräfte zulässt, mehr Heimkehrer – es sind realistische Tools zur Lösung der Personalengpässe. Realistischer jedenfalls als die Vorstellungen von Finanzminister Eugen Teodorovici, der an zeitlich befristete Arbeitserlaubnisse auch für EU-Bürger innerhalb der Union dachte. Er hat zwar damit Recht, dass einige Länder vom Entwicklungsgefälle innerhalb der EU mehr profitieren als andere und dass man in Europa darüber offen diskutieren sollte – doch an Kernfreiheiten innerhalb der Union zu rütteln, ist eine Illusion.

Alex Gröblacher

Romania
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