Die neue Wirklichkeit

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Wir sind wohl an einem Punkt angelangt, wo die privaten Akteure der Gesellschaft generell und der Wirtschaft speziell einräumen müssen, dass der moderne rumänische Staat an seine Grenzen gestoßen ist. 100 Jahre nach der Gründung in den aktuellen Grenzen, stellt das Niveau seiner Organisierung und die Qualität seiner öffentlichen Dienstleistungen offenbar den Höhepunkt dar – mehr geht nicht.

Über die Gründe kann man viel diskutieren, doch auf praktischer Ebene bringt ein solches Lamento nichts. Wichtiger ist, was von dieser Ausgangslage aus machbar ist. Die Gesellschaft erwartet vom Staat eine Anzahl von Dienstleistungen, zum Beispiel Sicherheit und Justiz, Verwaltung, Bildung, öffentlicher Verkehr. Die Frage ist: Was kann die Gesellschaft in Eigenregie bereitstellen? In einigen Teilbereichen nichts – so bei der Verkehrsinfrastruktur, wo die Situation geradezu katastrophal ist. Aus im Kontext nicht weiter relevanten Gründen baut der Staat fast gar nichts mehr und lässt auch das verkommen, was er gebaut hat. Und die Privatakteure können sich da leider nicht selber helfen – egal wie mächtig sie sind, vermögen nicht einmal Großkonzerne aus der Automobilindustrie eine Autobahn durch die Karpaten auf eigene Faust zu bauen. Oder einen Flughafen in Bra?ov.

In anderer Hinsicht hat aber der Privatsektor weit mehr Optionen. Rumänische Unternehmen klagen fortwährend, dass das staatlich organisierte Bildungssystem nicht genug fähige junge Menschen liefert. Aber gerade hier besteht für Firmen beträchtlicher Handlungsspielraum. Es geht nicht darum, was jede Bank, jede Versicherung, jedes Unternehmen in IT-Dienstleistungen, Bauwesen oder Übersetzungen sowieso als Anschulung und Fortbildung für die bereits angestellten Mitarbeiter anbietet. Sondern um die gemeinsame Festlegung von Mindestanforderungen, die jeder Bewerber für einen Job in der jeweiligen Sparte erfüllen muss. Der FIC oder die bilateralen Kammern, in denen die großen multinationalen Konzerne vertreten sind, oder auch die Arbeitgeberverbände könnten solche Standards selbst festlegen.

Auch für die eigentliche Ausbildung der Menschen sind mehrere Modelle denkbar. Nichts hindert den IT-Sektor daran, eine private Universität zu gründen, aus der das künftige Personal zu rekrutieren ist. Wenn der Staat nicht mitreden will, umso besser. Ein Diplom, ausgestellt von einer Organisation, hinter der Microsoft, Dell, IBM, SAP, Oracle und andere ähnliche Namen stehen, wird wahrscheinlich sowieso mehr ins Gewicht fallen als eines, das von einem umstrittenen Bildungsministerium getragen wird.

Überall auf der Welt erscheinen flexiblere Alternativen zum herkömmlichen Studiensystem: kostenlose oder preisgünstige Onlinekurse, die nicht von anonymen Anbietern, sondern von seriösen Universitäten stammen, in einigen Fällen selbst von Yale oder Columbia University.

Und es geht nicht nur um Akademiker. Zusammen können Firmen auch Bildungspakete entwerfen, die sie den Schülern extra anbieten. Stellen Unternehmen bei Vorstellungsgesprächen fest, dass Gymnasien Funktionalanalpheten produzieren, wären Arbeitgeberverbände vielleicht gut beraten, Sonderangebote an die Schulen heranzutragen. Für Teilnehmer an solchen Kursen, könnten ja Pluspunkte bei der Anstellungen in Aussicht gestellt werden.

Fakt ist, dass von nun an die Gesellschaft auch mal selbst klarkommen muss. Und wenn der Staat hin und wieder eine Straße baut, dann desto besser. Wenn nicht, dann eben nicht.

von Alex Gröblacher

Romania
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