Die Revolution wird verschoben

Fast wäre es passiert und es hätte an ein Wunder gegrenzt: letztes Jahr klagte Finanzminister Eugen Teodorovici darüber, dass er keine Lust mehr habe, der Post jedes Jahr 600 Millionen Lei (knapp 120 Millionen Euro) für die Auslieferung der Renten zu zahlen. Das Geld würde deshalb auf Bankkonten überwiesen werden, die Senioren könnten dann ihr Geld vom Automaten ziehen.

Noch vor Jahresende wurde es klar, dass daraus nichts wird: der Arbeitsminister, dessen Ressort das Rentensystem betreut, verneinte ein solches Projekt. Die Sozialdemokraten, die Senioren als Kernwählerschaft besonders intensiv pflegt, wollen keine solche Umstellung.

Die Auswirkungen eines solchen Umdenkens wären in der Tat aber gewaltig gewesen. Auf der einen Seite hätte die Rentenkasse enorme Einsparungen realisiert. Die Banküberweisung einer Rente kostet umgerechnet 40 Eurocent; wird sie dem Rentner persönlich ausgezahlt, zahlt die Kasse der Post für diesen Dienst fünf Mal mehr. Und von 5,3 Millionen Rentnern kassieren nur 2,2 Millionen ihre Altersbezüge über die Bank.

Doch für die Post – eine ebenfalls staatliche Gesellschaft – hätte der Wegfall dieser Provisionen, die fast die Hälfte ihres Umsatzes ausmachen, möglicherweise den Konkurs und erhebliche Stellenverluste eingeläutet.

Die Banken hätten am stärksten vom neuen System profitiert, aber das ist eine andere Geschichte.

Der Verzicht auf die persönliche Aushändigung der Renten durch die Post wäre für Rumänien eigentlich eine Minirevolution gewesen, ein Schritt zur Reduzierung des enormen Bargeldaufkommens.

Das Thema ist brandaktuell und wird vielerorts kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite hoffen Experten, dass durch die Umstellung auf ein System, in dem Zahlungen allein digital abgewickelt werden, große Vorteile entstehen. Kann der gesamte Zahlungsfluss nachverfolgt werden, könnten zum Beispiel Korruption oder auch Delikte wie Steuerhinterziehung oder Geldwäsche wirksamer verfolgt und bekämpft werden. Die Schattenwirtschaft würde schrumpfen. Der Staat könnte sich das teure System zur Verwaltung von Bargeld sparen. Auch Banken hätten es leichter und billiger.

Dem gegenüber stehen vor allem soziale Gegenargumente – der Umgang mit Geldkarten und Smartphone-Apps ist zwar nicht unbedingt hoch-kompliziert, aber nicht alle kommen damit klar. Es besteht das Risiko, dass vor allem arme Menschen und Bürger in entlegenen Gebieten abgehängt werden. Der unabhängige Bericht Access to Cash Review geht in seiner Ausgabe vom Dezember 2018 davon aus, dass in Großbritannien rund 17% der Bevölkerung, acht Millionen Menschen, Bargeld als absolut notwendig ansehen. In den letzten 10 Jahren hat sich der Einsatz von Bargeld im Land halbiert und in 2017 wurde zum ersten Mal mehr mit Geldkarten als mit Barbeträgen bezahlt.

Außerdem sind in vielen Ländern besonders Dienstleistungsbranchen wie der Gastronomie oder der Kosmetik auf dem System aufgebaut, dass Arbeitnehmer wenig verdienen und die niedrigen Löhne durch Trinkgeld kompensiert werden. Verschwindet das Bargeld, fällt für sie ein nicht unwesentlicher Teil ihres Einkommens weg. Das muss durch Lohnerhöhungen ausgeglichen werden, was wiederum zu Teuerungen führt – auf der anderen Seite sparen Kunden sich das Trinkgeld.

Zudem bringt digitales Geld neue Sicherheitsherausforderungen. Menschen sind für das eigene Bargeld höchstgradig selbst verantwortlich, doch zur Diebstahlsicherung von Konten müssen Staat und Banken komplexe Vorkehrungen treffen.

Diskutiert werden muss aber auch darüber, dass Digitalgeld auch den flächendeckenden Missbrauch staatlicher Akteure erleichtern.. Auch heute bleiben Menschen ohne Bargeld plötzlich mittellos da, wenn der Fiskus ihre Konten aufgrund von echten oder vermeintlichen Schulden sperrt. Schwer vorstellbar ist, was passieren könnte, wenn der Staat die Verfügbarkeit von Geld zur Bevölkerungskontrolle einsetzt. Science Fiction? China baut gerade ein massives System zur Überwachung auf und verwehrt Bürgern, die sich nicht sitten- oder rechtskonform verhalten, den Zugang zu bestimmten öffentlichen Dienstleistungen wie Bahnfahrten oder Flüge. Was ist, wenn ein solcher Staat einer ganzen Gruppe von Menschen – ganz einfach per Klick den Zugriff auf das eigene Geld sperrt, um sie gefügig zu machen?

Diesen eher philosophischen Fragen gegenüber steht der Alltag, in dem Menschen veranlagt sind, den bequemsten Weg zu suchen.

In ein Stehcafe im Zentrum einer jeden modernen Großstadt gehen jeden Morgen Dutzende von Kunden. Alle sind in Eile, alles muss schnell gehen – hier ist Bargeld eher lästig, denn nicht alle haben das passende Kleingeld; niemand hat Lust lange darauf zu warten, bis die Barrista dem Kunden an der Theke das Wechselgeld abzählt. Auch der Bedienung passt es, wenn die Gäste alle ihre Karten oder Smartphones kurz ans Gerät halten. Ein ähnlicher Effekt ist im Supermarkt zu Stoßzeiten zu bemerken.

Aber auch sonst fördert die bargeldlose Bezahlung den Einzelhandel – sie macht Spontankäufe bei teuren Waren eigentlich überhaupt möglich. Wer eine Geldkarte in Tasche hat ist eher geneigt, sich etwas zu kaufen, als wenn er erst zur Bank oder nach Hause muss, um Geld abzuheben oder aus dem Schrank zu holen.

Ein Land hat inzwischen die Diskussion beendet und will Tatsachen schaffen – Schweden soll im März 2023 das erste bargeldlose Land werden, mehr als 360 Jahre nachdem die gleichen Schweden auch die ersten waren, die Geldscheine einführten. Zur Vorbereitung einer gesellschaftliche Umwälzung von derartigem Ausmaß sind seit Jahren mehrere technische und rechtliche Maßnahmen getroffen worden. Dazu gehört beispielsweise der konsequente Ausbau der Telekommunikationsnetze. Für Geschäfte wurde die gesetzliche Möglichkeit geschaffen, Bargeld abzulehnen. Banken stellen inzwischen auch Kindern ab sieben Jahren Geldkarten aus. Dazu kommt, dass sehr viele Schweden mit einer Smartphone-Anwendung bezahlen – Swish. Die Anwendung wurde 2012 von sechs Großbanken in Kooperation mit der Riksbank und der Clearingstelle Bankgirot gestartet und ermöglicht die Koppelung von Telefonnummer und Bankkonto sowie die Abrechnung in Echtzeit. Im Oktober 2018 nutzen 6,5 Millionen Menschen Swish – Schweden hat eine Bevölkerung von etwas über 10 Millionen Einwohner. Schweden prüft schon den nächsten Schritt mit der Einführung einer eigenen Kryptowährung, der e-Krona, in 2021, wobei ein Pilotprogramm schon dieses Jahr starten könnte.

Die Entwicklungen sind nicht nur gefühlt, sondern messbar. Nach Daten der Sverige Riksbank gaben im Jahr 2010 fast 40% der Befragten in den eigenen Studien der Zentralbank an, beim jeweils letzten Kauf mit Bargeld bezahlt zu haben. 2018 waren es nur 13%. Vor diesem Hintergrund geht der Wert des Bargelds in Umlauf, aber auch dessen Anteil am BIP kontinuierlich zurück. 2014 waren 80 Milliarden Kronen in Umlauf, 2018 weniger als 60 Milliarden.

Aus dieser Perspektive betrachtet, steckt Rumänien – zumindest im europäischen Kontext und als Durchschnitt gemessen – fast noch im Mittelalter. 42% der Bürger haben zum Beispiel kein eigenes Bankkonto, heißt es im Global Findex Bericht der Weltbank für 2017. In Schweden sind es: Null. Der Finanzexperte Iancu Guda berichtet auf seinem Blog unter Berufung auf Daten des Kartenunternehmens Mastercard, dass Rumänien europaweit das meiste Bargeld in Umlauf hat – doppelt so viel wie der EU-Durchschnitt.

Die Lohn- und Rentenerhöhungen der letzten Jahre haben dazu geführt, dass die Menschen mehr Geld am Konto haben und deshalb auch mehr abheben. Ein Vertreter des Kartenkonzerns VISA sagte letzten Sommer, dass Abhebungen vom Automaten um 6% zugenommen haben. (Allerdings seien die Kartenzahlungen mit 37% viel schneller gestiegen).

Zu dieser Situation tragen mehrere Faktoren bei. Besonders kleine Händler zögern selbst in Städten, moderne Zahlungsmöglichkeiten einzurichten, selbst wenn die entsprechenden Kosten rückläufig sind. Will man mit Karte bezahlen, heißt es sogar offen, man würde nicht gerne die Banken bereichern. Noch öfter werden Defekte am Kartenleser oder ähnliche Vorwände genannt. Das Argument, dass dem Händler so Umsatz entgeht, zieht anscheinend nicht. Und selbst bei Onlinekäufen ziehen es nach einer Umfrage von ING immer noch viele Kunden vor, an der Tür beim Kurier zu bezahlen, obwohl sie auch im Internet zahlen könnten.

Nicht nur Kartenzahlungen sind in Rumänien schwerer durchzusetzen, sondern auch Überweisungen. Mieter oder Eigentümer sind sich oft nicht bewusst, dass sie ihre Rechnungen bei der gemeinschaftlichen Hausverwaltung über die Bank bezahlen können. Sie gehen deshalb an einem bestimmten Tag zur Hausverwaltung und überreichen das Geld an einen Kassierer. Leute gehen zur Bank, ziehen Geld vom Automaten und bezahlen ihre Versorgungsdienstleister – Gas, Telefon, Strom – bar an der Kasse der gleichen Bank. Dass es mittlerweile zahlreiche Möglichkeiten zur Überweisung gibt, auch Einzugsermächtigungen, scheinen viele nicht zu bemerken.

Aber auch der rumänische Staat, der angesichts der Zahlen ein besonderes Interesse an weniger Barzahlungen haben sollte, tut sich schwer mit modernen Bezahlungsverfahren. Bei vielen Postämtern und Behörden ist es heute noch schwer, anders als bar zu bezahlen.

Bis zum Niveau in Schweden ist ein riesiger Weg und nicht einmal andere europäische Länder sind dort angekommen. Das anzustreben, wäre beim heutigen Ist-Zustand in Rumänien auch total unrealistisch.

Alex Gröblacher

Romania
Lesen Sie den vorherigen Eintrag:
Der Kanzler aus dem Wunderland

Alice, Lewis Carrolls erdachte Figur, erlebt ein unverschuldetes Abenteuer, nachdem sie in ein Kaninchenloch im Wunderland gefallen ist. «Wie komisch...

Schließen