Dr. Wargha Enayati: Integrierte Anlage Enayati Medical City in fortgeschrittener Bauphase. „In dieser Zeit war es eine Herausforderung, eine Baustelle offen zu halten, auf der täglich 400 Menschen arbeiten”

Dr. Wargha Enayati ist seit 25 Jahren Arzt und Unternehmer im Gesundheitswesen und legte den Grundstein für das private Gesundheitssystem in Rumänien. Er ist Gründer des Regina-Maria-Privatnetzwerks und der Enayati Medical City, der ersten medizinischen Stadt in Rumänien, die ein integriertes Onkologiekrankenhaus, ein geriatrisches Krankenhaus, die größte Ambulanz mit 50 Praxen und ein Wohnheim für ältere Menschen umfasst.

Dr. Enayati ist deutscher Herkunft, begann sein Studium an der Medizinischen Fakultät in Regensburg und absolvierte die Medizinische Fakultät in Cluj. Seine kardiologische Spezialisierung absolvierte er am Fundeni-Krankenhaus in Bukarest. Er kam 1983 mitten im kommunistischen Regime nach Rumänien, angezogen vom Leben und der Tätigkeit der Königin Maria Rumäniens und ihrer Verbindung zum Bahá‘í-Glauben. 1995 gründete er das, was zum Unirea Medical Center werden sollte, dann das Regina-Maria-Netzwerk für Gesundheitsdienstleistungen, aus dessen Aktionariat er 2015 austrat.

2010 gründete er zusammen mit seiner Frau Mitra Enayati die Regina-Maria-Stiftung für Soziale Innovation, die sich der Bereitstellung von medizinischen Dienstleistungen und Bildung für einige benachteiligte Personengruppen widmet. Im Jahr 2016 trat er wieder in den Markt für medizinische Dienstleistungen ein und wurde Hauptaktionär von Intermedicas, einem medizinischen Concierge- und Second-Opinion-Unternehmen, von MedicHub – einem Unternehmen für medizinische Kommunikation. 2017 kaufte er für MedicHub die Zeitschrift Via?a Medical? – die wichtigste Fachzeitschrift in Rumänien. 2018 tritt er dem Aktionariat von Docbook(die erste App für Arzttermine) und der medizinischen Rekrutierungsplattform MEDIjobs bei. Zusammen mit renommierten Ärzten gründet er 2019 den Verein Selbständiger Ärzte, ein Netzwerk von Kliniken und Praxen, das auf eine integrierte Patientenversorgung abzielt.

Er ist mit Mitra Tai verheiratet und sie haben drei Kinder: Anis Rare?, Sheida Taina, Hoda Maria.

Wie beurteilen Sie in Ihrer doppelten Eigenschaft als Arzt und Unternehmer die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf die Gesellschaft und das einheimische Geschäftsumfeld?

Da ich ein Mann der Statistiken und Zahlen bin, glaube ich immer noch, ohne zu versuchen, das gegenwärtige Geschehen zu minimieren, dass die Reaktion zu heftig war, und infolgedessen werden wir langfristige medizinische Auswirkungen spüren und in viel größerer Zahl als die Statistiken der Covid-Opfer. Das heißt, wenn wir die wirtschaftlichen Auswirkungen nicht berücksichtigen, die grobe Zerstörung einiger Wirtschaftszweige. Und diese werden in Zukunft schwerwiegende medizinische Folgen haben. Das Einzige, was uns helfen könnte, wäre, dass die Regierung jetzt eingreift, aus dem Haushalt anderer wie zum Beispiel Verteidigung entnimmt und eine massive Infusion in Wirtschaft und Gesundheit vornimmt. Wir müssen lernen, mit diesem Virus zu leben, unsere Herangehensweise gegenüber der Welt, in der wir leben, anzupassen und zu ändern. In Rumänien sind wir in der Regel sehr lokal und wir glauben, dass nichts anderes zählt, wenn es uns hier und jetzt gut geht. Wir erkennen jedoch nicht, wie stark wir von dem abhängig sind, was in der Welt geschieht. Geschäftsleute müssen unabhängig vom Tätigkeitsbereich überlegen, ob das Geschäft soziale Auswirkungen auf die Welt hat, in der wir leben, und auf die Gemeinschaft, deren Mitglieder wir sind.

Sie sind einer der Gründer des privaten medizinischen Systems in Rumänien. Wie hat sich dieser Sektor an den aktuellen Kontext angepasst und wie sehen Sie die zukünftigen Entwicklungsrichtungen?

Die kommende Zeitspanne ist sehr wichtig für das medizinische System. Die COVID-Krise hat die verborgensten Mängel des Systems aufgedeckt. Ich denke, dass die Zukunft großen, privaten und staatlichen Krankenhäusern gehört, aber auch der Telemedizin. Aber bis zum Bau großer Krankenhäuser, der viele Jahre dauern wird, obwohl ich es in zwei Jahren schaffe, ein Ökosystem von Krankenhäusern aufzubauen – Onkologie mit Monza, Geriatrie und Seniorenpflege -, müssen wir noch andere Schritte unternehmen. Ländliche medizinische Zentren scheinen mir eine sehr gute Idee zu sein, da das System die Umkehrung der Pyramide unterstützen muss: Outpatient vs. Inpatient. Wenn man ländliche Zentren oder staatliche Polikliniken errichtet, z. B. wenn man auch eine Notaufnahme aufbaut, sollten die städtischen Krankenhäuser abgeschafft oder neu definiert werden. Die Lösung besteht nicht darin, multidisziplinäre städtische Krankenhäuser zu haben. Das Problem des Gesundheitswesens besteht nicht nur in der Infrastruktur. Die Regierung muss in die Primärmedizin, in die Ausbildung von Hausärzten und in die Zeit investieren, die den Patienten gewidmet ist. Weniger Patienten, aber mit größerer Verantwortung ihnen gegenüber. Das Problem im Gesundheitssystem beginnt mit der Primär- und Sekundärmedizin – Polikliniken/Ambulanzen, die gestärkt werden müssen.

Enayati Medical City ist das größte Investitionsprojekt, an dem Sie derzeit beteiligt sind. In welchem Stadium befinden sich die Bauarbeiten und wann ist die Frist für die Fertigstellung des medizinischen Zentrums?

Enayati Medical City ist eine integrierte Anlage, die in Zusammenarbeit (im Bereich Onkologie) mit dem Monza-Krankenhaus entwickelt wurde und auf einer Fläche von 35.000 Quadratmetern als größtes privates medizinisches Projekt in unserem Land errichtet wird. Es ist das einzige Krankenhaus dieser Größe, das während dieser Krise gebaut wird. Die Investition beträgt einen Gesamtwert von 60 Millionen Euro und wird bis Ende dieses Jahres fertig sein. Es ist ein Projekt, das ein integriertes Onkologie- und Genesungskrankenhaus mit einem Wohn- und Seniorenheim kombiniert. Das onkologische Krankenhaus ist mit 100 Betten ausgestattet, besteht aus einer Fachambulanz, Abteilungen für Chirurgie, Chemotherapie, Strahlentherapie und bildgebende Nuklearmedizin, Labor. Das Wohn- und Pflegezentrum für Senioren verfügt über mehr als 130 Plätze. Die Pflege erfolgt je nach Bedarf auf speziellen Etagen – im Wohnbereich (selbständige oder betreute Personen) und im medizinischen Bereich (Genesungsdienste, Alzheimer, Palliativversorgung). Das Konzept der integrierten und effizienten Patientenversorgung wird durch ein Tageszentrum für Senioren und 50 Praxen in Ambulanzsystem ergänzt. Der Schlüssel zum Erfolg besteht darin, eine medizinische Elite zusammenzustellen, die die besten integrierten Lösungen für onkologische Probleme und für die Pflege älterer Menschen bietet. In Bezug auf die medizinische Komponente umfasst das Projekt einen großzügigen geriatrischen ambulanten Raum mit mehreren Fachgebieten, ein Physiotherapiezentrum mit einem Reha-Schwimmbecken und Ergotherapie. Ältere Menschen ziehen größtenteils aus ihren Häusern aus, um sich selbst und ihren Familien einen Lebensstil von Komfort, sozialen Kontakten und Sicherheit zu bieten. Diese Sicherheit wird hier von einem Krankenhaus mit fünf Operationssälen, Intensivstation, Bildgebung, Labor sowie diensthabenden Ärzten gewährleistet. Ausgehend von der akuten Notwendigkeit, Lösungen für die Altenpflege anzubieten, und da Rumänien wie der Rest der Welt rasch einer zunehmenden Alterung der Bevölkerung entgegen geht (laut Eurostat wird jeder dritte Rumäne im Jahr 2040 über 65 Jahre alt sein), und aufgrund des Mangels an integrierten Einrichtungen auf dem Markt haben wir uns dieses medizinische Zentrum als eine Stadt vorgestellt, in der Senioren ständigen Zugang zu medizinischen und sozialen Diensten haben, die sie benötigen, unabhängig davon, ob sie selbständig oder medizinisch versorgt sind, Reha oder palliative Versorgung brauchen, nur den sozialen Kontakt oder ein Umfeld benötigen, in dem sie in Würde leben können. 2018 hatte ich das Glück, Dan Doroftei kennenzulernen, der nach 12 Jahren Erfahrung in den USA mit ähnlichen Projekten im Bereich Gesundheit und Seniorenpflege nach Rumänien zurückkehrte. Er hat die Entwicklung des Projekts übernommen und wird zusammen mit mir den Senioren-Teil leiten: der Wohnbereich und das geriatrische Krankenhaus. Das Projekt befindet sich heute in fortgeschrittener Bauphase. Im Oktober-November wird das Gebäude fertiggestellt und ab Januar wird es betriebsbereit, ausgestattet und funktionsfähig sein. In dieser Zeit war es eine Herausforderung für sich, eine Baustelle offen zu halten, auf der täglich 400 Menschen arbeiten. Wir sind zuversichtlich, dass wir im Zeitplan bleiben und planmäßig eröffnen werden. Die Frist für die Fertigstellung samt Ausstattung ist zu Beginn des kommenden Jahres. Ich denke, wir können die ersten Patienten je nach Genehmigungen und Zulassungen im zweiten Monat des Jahres 2021 betreuen. Da es sich um ein Projekt handelt, das durch den Begriff „integriert“ definiert ist, werden wir versuchen, alles gleichzeitig als ein Ganzes zu eröffnen. Zusätzlich zu den beiden Krankenhäusern (Onkologie und Geriatrie) und dem Seniorenheim beherbergen wir, meiner Meinung nach, die größte Ambulanz in Rumänien mit 50 Praxen, in denen wir das Konzept des medizinischen Concierges (zugewiesener Arzt zur Begleitung des Patienten entlang seiner gesamten medizinischen Route) fördern werden, ein Restaurant, einen Konferenzraum, ein Physiotherapiezentrum mit Schwimmbecken, Geschäfte, eine Kapelle und viele spektakuläre Gärten, die Licht und Farbe bringen sollen.

Welche weiteren Investitionen führen Sie gegenwärtig durch oder bereiten Sie für die kommende Zeitspanne vor?

Für den Augenblick konsolidiere ich meine derzeitigen Investitionen. Enayati Medical City verbraucht erhebliche Ressourcen, aber zusammen mit vier anderen Investoren – Voicu Oprean, Alexandru Popescu, Sergiu Negu? und Georgios Sofianos – haben wir beispielsweise einen Investmentfonds zur Finanzierung von technologischen Start-Ups im medizinischen Bereich eingerichtet. Cleverage Venture Capital hat es sich zum Ziel gesetzt, in fünf Jahren Finanzierung von 20 Millionen Euro für Projekte in Rumänien und der Region zu erreichen. Innovation im medizinischen Bereich ist die Zukunft.

Die deutsche Geschäftsgemeinschaft hat wiederholt die Einführung des flexiblen Arbeitssystems, der Kurzarbeit, als Reaktion auf die bevorstehende Wirtschaftskrise gefordert. Was wären die Vorteile der Einführung dieses Instruments in Rumänien?

Kurzarbeit ist ein Prinzip, mit dem ich nicht nur in Krisenzeiten einverstanden bin. Dieses System kann beispielsweise auch im medizinischen Bereich große Vorteile haben. Es wäre sehr vorteilhaft, wenn man den Zeitplan der Mitarbeiter im medizinischen Bereich optimieren könnte. Es gibt Spitzenzeiten, in denen Patienten untersucht werden, und dann könnten wir das Programm und die Anzahl der Stunden mithilfe des Kurzarbeit-Prinzips optimieren.

Ein Interview von Ioan Dornescu

Romania
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