Dragos Anastasiu: Deutsche Investoren sind nicht wegen Schnäppchen und zeitweiliger Chancen hierher gekommen, sondern um sich langfristig zu entwickeln. Wir versuchen, die Behörden davon zu überzeugen, in Jahrzehnten und nicht in Tagen oder Wochen zu denken

Der Vorsitzende der Eurolines România-Gruppe, Dragos Anastasiu, bekannt dank seines Mitwirkens an der Entwicklung des rumänischen Unternehmertums, ist einer der bekanntesten und aktivsten rumänischen Geschäftsleute. Nach 25 Jahren unternehmerischer Tätigkeit widmet sich Dragos Anastasiu Programmen im Bereich Bildung und Mentalitätsänderung für junge Menschen und Lehrer im staatlichen Bildungssystem (SuperTeach.ro). Er ist Vorsitzender der Deutsch-Rumänischen Handelskammer und Mitglied des Beirats von Romanian Business Leaders. Sein unternehmerischer Erfolg stammt aus der internationalen Personenbeförderung, die bis 2017 unter dem Namen Eurolines firmierte, als er an FlixBus verkauft hat, und aus Tourismustätigkeiten, die er kürzlich an DER Touristik verkauft hat. Durch diesen Schritt unterzeichnete Dragos Anastasiu den erfolgreichsten Austritt aus der Profilbranche. Er ist an weiteren Investitionen in unternehmerische Projekte interessiert und widmet gegenwärtig einen großen Teil seiner Zeit Enterprise Rent-A-Car, der Autovermietung der Eurolines-Gruppe, und dem Green Village Resort 4* in Sfântu Gheorghe, Donaudelta.

Die Akquisition der touristischen Tätigkeit von Eurolines durch die DER Touristik Group ist eine der spektakulärsten Transaktionen in diesem Jahr in Rumänien. Wie wirkt sich der Einstieg des deutschen Riesen in den lokalen Tourismusmarkt aus?

Er sendet ein sehr wichtiges Signal. Die Entscheidung der DER Touristik, direkt in diesen Bereich Europas zu investieren, hat Rumänien praktisch auf die Weltkarte des Tourismus gesetzt. Es ist offensichtlich, dass die Entwicklung des Marktes ermutigend ist (die Rumänen reisen), und es ist offensichtlich, dass der von ihnen unternommene Schritt auch von anderen wichtigen Akteuren der Branche bemerkt wird.

Der Wert der Akquisition ist vertraulich geblieben. Was sind jedoch die Hauptpunkte dieser Transaktion? Wann haben Sie die Entscheidung getroffen, das Touristikgeschäft aufzugeben, warum haben Sie die Ausstiegsentscheidung getroffen und wie lange dauerten die Verhandlungen mit der DER Touristik-Gruppe?

Wir betreiben touristische Tätigkeiten, die miteinander verbunden waren. Das Touring, der Incoming und das Netz von Reisebüros waren die Hauptpunkte der Transaktion. Wir haben nicht in Betracht gezogen, nur eine der Tätigkeiten zu verkaufen, da sie alle miteinander verbunden sind. Wir haben die Verkaufsabsicht vor etwa zwei Jahren angekündigt und das Transferprojekt an DER Touristik dauerte tatsächlich 18 Monate. Warum ich die Entscheidung getroffen habe? Wir hätten kein so beschleunigtes Entwicklungstempo wie in den letzten zehn Jahren ohne eine umfassende Partnerschaft aufrech­terhalten können. Die acht Jahre, in denen wir im Rahmen der TUI TravelCenter-Franchise gearbeitet haben, waren das beste Training für den Übergang zur nächsten Stufe. Egal wie gut das Produkt ist, das man dem Markt anbietet, und egal wie gut das Team ist, heutzutage muss man Teil eines internationalen Top-Netzwerks sein. Marktführer verfügen über Geschichte, Know-how, Macht, Ressourcen und garantieren die von ihnen angebotenen Dienstleistungen.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der lokalen Tourismusbranche im aktuellen Zeitraum und welche sind, Ihrer Meinung nach, die Perspektiven für die kurz- und mittelfristige Entwicklung des Profilmarktes?

Die Tourismusbranche ist in den letzten Jahren erheblich gewachsen, und zwar in all ihren Bereichen: Incoming, Outgoing, Business-Travel usw. Das Incoming (dh die Ankunft ausländischer Touristen in Rumänien) hat sich trotz der mangelnden Werbung für das Urlaubsziel Rumänien, die vom rumänischen Staat durch das Tourismusministerium hätte gemacht werden sollen, entwickelt. Dies liegt daran, dass die Realität viel besser ist als das Image und alle, die zu uns kommen, beeindruckt sind und darüber bei der Rückkehr ins Herkunftsland sprechen. Auch die Zahl der von Rumänen (entweder in Rumänien oder im Ausland) vorgenommenen Urlaubsreisen hat erheblich zugenommen, da das Einkommen der Bevölkerung gestiegen ist, aber auch dank der Austeilung von Urlaubsgutscheinen. Die mittel- und langfristigen Perspektiven sind sehr gut, besonders dann, wenn einige wichtige Schritte über das Wirtschaftswachstum und das Einkommen der Bevölkerung hinaus unternommen werden und zwar: Erstens sind Destinationsmana­ge­mentorganisationen (öffentlich-private Partnerschaften) auf lokaler, regionaler, aber vor allem nationaler Ebene notwendig, nach international etablierten Modellen und keineswegs nach erfolglosen rumänischen Innovationen.

Was sind die wichtigsten Geschäftsbereiche, die Sie derzeit betreiben, und welche zukünftigen Investitionen stehen auf Ihrer Tagesordnung?

Das Green Village Resort in Sfântu Gheorghe, im Donaudelta, ist das neueste Geschäft, in das wir seit 2015 investiert haben. Es ist unser erster Schritt in die Hotellerie, es wächst von Jahr zu Jahr und wir sind bestrebt, es neun Monate im Jahr offen zu halten, von April bis zum 05. Januar. Das zweite ist Enterprise Rent-A-Car, das an sieben Flughäfen in Rumänien vertreten ist und das Franchise des größten Autovermieters der Welt darstellt. Ich werde mit Sicherheit weiterhin in kleinere, aus Sicht der Qualität und nicht des Volumens hochwertige Unternehmen investieren.

Sie sind einer der bekanntesten und meistgeschätzten Unternehmer in Rumänien. Was ist die wichtigste Business-Lektion, die Sie in Ihren 25 Jahren im Geschäftsbereich erworben haben? Welchen Rat würden Sie einem jungen Menschen geben, der versucht ist, heute in Rumänien Unternehmer zu werden?

Ich denke, die wichtigste Lektion, die ich in all den Jahren gelernt habe, war, dass man ALLEINE nichts darstellt und man fast kein Ziel erreichen kann. Man brau­cht ein Team, und damit es erfolgreich ist, muss es aus Menschen mit denselben Werten und derselben Vision zusammengesetzt sein. Zu den Tipps: Ich habe gelernt, keine Tipps zu geben, weil sie sowieso niemand befolgt. Wenn ich wieder jung wäre und über ein Geschäft nachdenken würde, wäre ich aber viel vorsichtiger bei der Auswahl des Teams, mit dem ich mich auf die Reise mache, und würde sicherstellen, dass ich vor der Reise genau weiß, worum es sich beim Geschäft, das ich starte, handelt. Mit anderen Worten würde ich gerne Geschäfte in einem Bereich tätigen, in dem ich Fachmann bin und über Erfahrung verfüge (oder zumindest, wenn ich es nicht bin, dann einen Mitgesellschafter dieser Art an meiner Seite zu haben).

Wie würden Sie in Ihrer Eigenschaft als Vorsitzender der Deutsch-Rumänischen Handelskammer (AHK Rumänien) die Entwicklung der deutsch-rumänischen bilateralen Beziehungen in diesem Jahr charakterisieren? Was muss Rumänien tun, um im Interessengebiet des deutschsprachigen Kapitals zu bleiben?

Die kommerziellen (aber auch die diplomatischen) Beziehungen zwischen Rumänien und Deutschland sind sehr gut und bleiben weiterhin sehr gut. Trotz einer eher feindseligen Regierung gegenüber ausländischen Investoren und der fehlenden Vorhersehbarkeit, hat das deutsche Geschäftsumfeld seine Arbeit in Rumänien weiterhin mit Leidenschaft und Erfolg fortgesetzt. Deutsche Investoren sind nicht wegen Schnäppchen und zeitweiliger Chancen hierher gekommen, sondern um sich langfristig zu entwickeln. Sie haben die weniger vorhersehbare und nachhaltige Vorgehensweise der rumänischen Behörden sowohl auf lokaler als auch auf nationaler Ebene berücksichtigt und sich darauf eingestellt und werden dies auch weiterhin tun. Wir, die Deutsch-Rumänische Handelskammer, ermüden nicht bei dem Versuch, die Behörden davon zu überzeugen, wie im deutschen Geschäftsumfeld, in Jahrzehnten und keineswegs in Tagen oder Wochen zu denken. Ich glaube das Unternehmertum passt sich leicht an jedwelche Bedingungen an, aber dafür braucht es Zeit. Was in den letzten Jahren verloren gegangen ist, ist das Gefühl dieses Vertrauens des Geschäftsumfelds in die Verwaltung (und umgekehrt), und ich denke, unser Hauptanliegen sollte darin bestehen, dieses Vertrauen wieder aufzubauen. Das wirtschaftliche Potenzial Rumäniens ist sehr hoch und kann aber nur als Team und auf Vertrauensbasis erreicht werden. Meine begründete Hoffnung ist, dass sich die Fehler der Vergangenheit mit der Bildung einer neuen Regierung nicht wiederholen werden.

ein Interview von Ioan Dornescu

Romania
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