Ein Weg aus der Krise? Warum der Erhalt der Beschäftigung im Fokus der Krisenbewältigung stehen muss

Foto: Getty Images/Drazen Lovric

Die deutsche Wirtschaft in Rumänien hat sich in den letzten Jahren sehr dynamisch entwickelt. Ein Erfolg, den unsere beiden Länder gemeinsam feiern können. So haben sich in den letzten 15 Jahren die bilateralen Handelsbeziehungen von 7 Mrd. EUR auf nunmehr 33 Mrd. EUR erhöht. Auch die Anzahl der Unternehmen mit deutschem Kapital in Rumänien hat sich beachtlich entwickelt und ist laut dem rumänischen Handelsregister auf bis zu 7.500 (aktive) Unternehmen angestiegen. Diese halten einen Kapitalstock von über 10 Mrd. EUR und beschäftigen rund 250.000 Mitarbeiter. Aber es sind nicht nur die Zahlen, die so außerordentlich wichtig sind und Deutschland zu Rumäniens wichtigstem Wirtschaftspartner macht, sondern auch die Qualität der Investitionen deutscher Unternehmen in Rumänien. In allen Bereichen hat die deutsche Wirtschaft in Rumänien im starken Maße in hochwertige Entwicklungstätigkeiten investiert. In Timisoara, Cluj, Sibiu, Brasov, Iasi, Bukarest, aber auch an anderen Standorten existieren Entwicklungszentren deutscher Unternehmen, die an wichtigen, technologischen Projekten arbeiten, die sich den aktuellen Herausforderungen, der digitalen Transformationen widmen.

Natürlich sticht in der bilateralen Zusammenarbeit der Automobil-Sektor hervor, aber es gibt ebenso technologische Meisterleistungen in den Bereichen Handel, Finanzen, Logistik u.a. – Made in Romania! Die deutsche Unternehmenspräsenz im Allgemeinen, aber auch insbesondere diese technologischen Entwicklungstätigkeiten, durchgeführt hier in Rumänien, hat zahlreiche Gründe. Aber es steht, aus meiner Sicht, besonders ein Grund im Mittelpunkt, und zwar der Faktor Mensch. Der Faktor Mensch meint insbesondere die vorhandene Qualifizierung und die Motivation der Mitarbeiter, die in deutschen Unternehmen arbeiten.

Die Corona-Krise hat uns alle sehr überrascht – komischerweise!! Kaum einer hat in einer durch und durch globalisierten Welt darüber nachgedacht, dass ein Ausbruch eines Virus in China dazu führen kann, dass innerhalb kürzester Zeit in Europa und Amerika alles stillsteht. Das alles ist umso seltsamer (trotz eines umfassenden Risikomanagements in so vielen Unternehmen) als dass wir ja beobachten konnten, wie schnell das Virus sich in China ausbreitet und dort alles abgeriegelt wird. Nun leben wir im Notstand. Unsere selbstverständlichen Bewegungsfreiheiten werden eingeschränkt, was wir akzeptieren müssen. Ökonomisch betrachtet werden wir vor beträchtlichen Herausforderungen stehen. Wir können sie derzeit gar nicht einschätzen trotz so vieler wirtschaftlicher Krisen, die wir bereits erlebt haben, trotz einer noch nie so dagewesenen digitalen, technologischen Unterstützung, trotz so vieler brillanter Menschen, die sich mit dieser Frage aktuell beschäftigen.

Ich möchte noch einmal auf den Faktor Mensch, genauer gesagt auf seine Qualifizierung zurückkommen, die, wie gesagt, in deutschen Unternehmen schon immer im Mittelpunkt stand – in einem Land, das nicht wirklich auf andere (natürliche) Ressourcen blicken kann.

Vor einigen Jahren, genauer gesagt in 2012, hat sich die deutsche Wirtschaft in Rumänien zum Thema Berufsbildung stark eingebracht und zusammen mit dem rumänischen Bildungsministerium an einer Wiederbelebung des Berufsbildungssystems eingesetzt. Es war, ist und bleibt eines unserer zentralen Interessen, die duale berufliche Berufsausbildung in Rumänien zu stärken und sie mit deutschem Knowhow in Partnerschaft mit den rumänischen Bildungseinrichtungen zu modernisieren. Rumänien hat in dieser Hinsicht Fortschritte gemacht, viele deutsche aber auch rumänische und andere internationale Firmen beteiligen sich an der beruflichen Ausbildung. Sie ist vereinfacht gesagt eine „public-privat-civil“ (wobei „civil“ sowohl die Gesellschaft als Ganzes als auch das Individuum meint) Partnerschaft. Sie besteht im Kern aus einer Kombination aus schulischen und praktischen Lerninhalten. Die schulischen Inhalte werden in einer Berufsschule vermittelt und die praktischen Inhalte im Ausbildungsbetrieb, in dem der Auszubildende im Berufsalltag integriert ist. Im Betrieb wird er professionell von einem qualifizierten betrieblichen Ausbilder unterstützt, um die praktischen Lerninhalte zu lernen. Die Ausbildung läuft im Normalfall über drei Jahre und in den meisten Fällen (lt. den Umfragen der AHK Rumänien unter deutschen Firmen) wird der Berufsschüler nach bestandener Prüfung im Betrieb übernommen. Selbstverständlich stehen ihm auch danach alle Wege offen und er kann, wenn er möchte, auch an der Universität studieren gehen (wobei er in dem Fall noch schulische Inhalte nachholen muss, das ist im Übrigen auch in Deutschland der Regelfall).

Die aktuelle „medizinische Krise“ wird irgendwann einmal vorbei sein. Die ökonomische Krise wird nach einhelliger Meinung aber noch lange andauern. Einen so abrupten Abfall ökonomischer Aktivitäten hat es in Friedenszeiten in Europa (wahrscheinlich in der ganzen Welt) noch nie zuvor gegeben. Wenn ich in diesen schwierigen Zeiten noch einmal auf Deutschland schaue und nach potentiellen Lösungsansätzen suche, wie die Wirtschaftskrise jedenfalls teilweise abgemildert werden oder der Wiederaufschwung schneller stattfinden kann, so kommt mir vor allem das Instrument der Kurzarbeit in den Sinn. Es ist wohl unstrittig, wenn ich behaupte, dass dieses Instrument maßgeblich dazu beigetragen hat, dass die wirtschaftliche Erholung nach 2008/09 in Deutschland so schneller stattfinden konnte.

Worum geht es bei Kurzarbeit und besteht eine Verbindung zur Berufsbildung und den deutschen Unternehmen in Rumänien? Die Antwort ist eindeutig: ja. Kurzarbeit ist ebenfalls eine „public-private-civil“ Partnerschaft. Und Kurzarbeit stellt den Menschen, ja genauer gesagt seine Qualifizierung, seine Beschäftigung, sein Knowhow, ja seine Unabdingbarkeit für unternehmerische Aktivitäten in den Fokus. In Deutschland haben Unternehmen die Möglichkeit, auf Grund einer Krise im Unternehmen (z.B. „Corona-bedingt“) für einen befristete Zeitraum (z.B. max. 12 Monate) die Arbeitszeit der betroffenen Mitarbeiter (z.B. auf 50%, also statt 8 Stunden auf 4 Stunden) zu reduzieren bei gleichzeitiger entsprechender Reduktion des Gehalts. Ein Teil der dadurch eingetretenen Gehaltsminderung wird dadurch aufgefangen, dass der Staat den betroffenen Beschäftigten ein sogenanntes Kurzarbeitergeld zahlt. Die Vorteile dieser Lösung liegen auf der Hand. Um nur einige zu nennen: Das Unternehmen kann auf diesem Weg in seiner krisenhaften Situation dringend notwendige Einsparungen vornehmen ohne dabei seine wichtigste Ressource, seine Mitarbeiter, zu verlieren. Das Unternehmen ist sogar weiterhin produktiv und hat eine reelle Chance die Krise zu überwinden. Die Mitarbeiter behalten ihren Arbeitsplatz und sie erhalten ein Gehalt, das höher ist, als das der verminderten Arbeitszeit entsprechende Gehalt, da es vom Staat aufgestockt wird. Sie können aktiv dazu beitragen, dass ihr Unternehmen überlebt und sie erleiden keinen Bruch in ihrem Lebenslauf (in Deutschland ist es teilweise sehr schwierig aus der Arbeitslosigkeit wieder herauszukommen). Der Staat wiederum schafft auf diesem Weg eine wichtige Grundlage für eine schnelle wirtschaftliche Erholung und die Belastung der Sozialkassen ist geringer als im Fall von Arbeitslosigkeit. Im Gegenteil, der Staat erhält sogar weiterhin Steuereinnahmen auf das Gehalt der Beschäftigten und den Umsatz der Unternehmen, die ja weiterhin arbeiten und nicht insolvent geworden sind.

Die Opportunitätskosten, die bei Arbeitslosigkeit entstehen würden, sind für alle Beteiligten weitaus höher. Um nur einige Überlegungen zu nennen: Für Unternehmen bedeutet das: Kosten zur Reduktion des Personalbestands, Verlust von wichtigen Knowhow-Trägern im Unternehmen, eine Verschlechterung des Betriebsklimas und (sollte es irgendwann wirtschaftlich besser gehen) Kosten für die Suche, Einarbeitung und Qualifizierung von neuen Mitarbeitern. Für die Beschäftigten bedeutet das in erster Linie Einkommensausfall für die Zeit der Arbeitslosigkeit; es ist aber auch deutlich schwieriger für einen Arbeitslosen eine neue Beschäftigung zu finden und meistens nur mit Gehaltseinbußen realisierbar. Für den Staat bedeutet das einen erheblichen Anstieg der Arbeitslosengelder, Steuerausfälle und bis hin zu einer Schwächung des sozialen Friedens. In diesem Zusammenhang ist ebenfalls enorm wichtig darauf hinzuweisen, dass in dem Fall, wo sich andere europäische Länder nach der Krise schneller erholen, wir in Rumänien Gefahr laufen, dass eine noch stärkere Migration von Arbeitskräften einsetzt, als wir es bislang ohnehin schon erlebt haben. Zum großen Nachteil aller Konvergenz-Bemühungen, die in den letzten Jahren stattgefunden haben.

Die Vorteile von Kurzarbeit liegen, wie gesagt, auf der Hand und auch die Risiken einer sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Erholung in Europa werden sicherlich einige politische Entscheidungsträger im Blick haben. Wahrscheinlich genau deshalb hat auch die EU-Kommission diesem Instrument so viel Aufmerksamkeit und auch finanzielle Unterstützung zugesagt. Und das ist richtig so!

Um ein Fazit zu ziehen: Die deutsche Wirtschaft in Rumänien hat in der Vergangenheit stets daran gearbeitet, die Qualifizierung ihrer Mitarbeiter wie z.B. durch die duale Berufsausbildung zu erhöhen, um an ihren rumänischen Standorten international wettbewerbsfähig und erfolgreich zu sein (und das hat sie bislang auch geschafft). Um diese wirtschaftlich schwierige Zeit bewältigen zu können, muss es für Unternehmen möglich sein, notwendige Einsparungen in genau der richtigen unternehmensspezifischen Dosierung vornehmen zu können, um zu überleben. Gleichzeitig müssen sie die betriebliche Grundlage aufrechterhalten, um sich Stück für Stück aus der Krise herauszuarbeiten. Dies geht nur, wenn sie ihre qualifizierten Mitarbeiter, also das Firmen-Knowhow, behalten. Hierbei brauchen sie ein flexibles Instrument, mit dem ein Zustand erreicht wird, wo für jeden Stakeholder (Unternehmen, Staat und Beschäftigte) die Vorteile gegenüber den Nachteilen überwiegen. Wir werden die Krise nicht überstehen ohne Federn gelassen zu haben, aber wir müssen uns vor allem darauf konzentrieren, dass wir Instrumente einsetzen, die möglichst effizient und effektiv dazu beitragen, dass die wirtschaftliche Wiederbelebung so schnell wie möglich stattfindet. Die Mitarbeiter in den Unternehmen sind dafür die entscheidende Grundlage. Auch in diesen Zeiten gibt es win-win-win-Konstellationen – man muss sie nur herbeiführen.

 

Zum Autor:

Sebastian Metz ist seit mehr als acht Jahren Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutsch-Rumänischen Industrie- und Handelskammer (AHK Rumänien), Dipl.-Volkswirt und seit rund 15 Jahren für das AHK-Netzwerk an verschiedenen Standort tätig gewesen.

(Dieser Artikel ist die persönliche Meinung des Autors und stellt nicht notwendigerweise den Standpunkt der AHK Rumänien dar.)

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