Hildegard Brandl: „In den letzten zwei Jahrzehnten haben die deutschen Unternehmer einiges von dem zurück gebracht, was wir in der kommunistischen Zeit verloren hatten: Know-How, Kapital und Arbeitsethik”

Hilde

Nach 30 Jahren in Deutschland haben Sie beschlossen, nach Rumänien zurückzukehren. Was waren die Argumente für diese Entscheidung? Wo fühlen Sie sich „zu Hause”, in Dortmund oder Bukarest?

Ich bin kurze Zeit nach dem Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union nach Bukarest zurückgekehrt, zu einem Zeitpunkt, der außergewöhnliche Entwicklungsmöglichkeiten für uns als Land, aber auch persönliche Perspektiven geboten hat. Es waren großartige Jahre, Jahre, in denen ausländische Investitionen getätigt wurden, Jahre, in denen Dutzende von Milliarden Dollar in die Wirtschaft und in Know-How investiert wurden. Leider haben die Behörden es nicht geschafft, mit der Entwicklung des privaten Umfelds mitzuhalten. Betrachten Sie beispielsweise die Anzahl der Autobahnkilometer, die von denjenigen gebaut wurden, die in dieser Zeitspanne regiert haben, oder wie die U-Bahn aussieht, die morgens in Richtung Pipera fährt.

Man kann sagen, dass die politische Klasse, aus dem einen oder anderen Grund, nicht dazu bereit war, die gebotenen Gelegenheiten wahrzunehmen. Vor der weltweiten Wirtschaftskrise, die keinen Bogen um Rumänien gemacht hat, hatten wir im Victoria-Palais ein Kabinett, das mit riesigen Defiziten regierte, obwohl die Wirtschaft Wachstumsraten von mehr als 5% pro Jahr verzeichnete. Die Geschichte wiederholt sich heute, wenn Sie so wollen, die Regierung gibt mit der einen Hand und nimmt es mit der anderen wieder zurück. Für mich war die Gelegenheit, am Wiederaufbau und an der Umgestaltung Rumäniens teilzunehmen, eine faszinierende Herausforderung. Da ich von Beruf Architektin bin, kann ich sagen, dass in unserer Branche, außer einigen bedauerlichen Beispielen, eine neue Klasse von Fachleuten und Förderern der städtischen Qualität geboren wurde, die die Fähigkeit hat, mit Sensibilität und Mut ihre Projekte umzusetzen.

Zusammen mit weiteren Architekten haben wir die Gründung eines Unternehmerverbandes unter dem Namen ASAR beschlossen, der das Ziel hat, Probleme der Gesetzgebung, die die Bauindustrie betreffen, zu identifizieren und diese zu lösen. Beispiel hierfür ist die Erteilung von Baugenehmigungen: das Verfahren befindet sich in einer fast kompletten Blockade. Der Mangel an Vorhersehbarkeit bzgl. der Erteilung einer Genehmigung ist ein ernsthaftes Hindernis sowohl für die einheimischen als auch für die ausländischen Investoren. Gegenwärtig hat die Genehmigung für einen Zaun beispielsweise einen ähnlichen Verlauf und eine ähnliche Dauer wie die für ein 10-stöckiges Gebäude. Ich übertreibe nicht, die Situation ist alarmierend! Neue Investitionen und Steuern, die zum Staatshaushalt beitragen würden, werden blockiert. Wir können so etwas nicht akzeptieren und werden uns für die Debürokratisierung und die Optimierung der Gesetzgebung in der Bauindustrie einsetzen.

Um auf die letzte Frage zurückzukommen: ich fühle mich zweifellos in Bukarest „zu Hause“, es ist die Stadt, in der ich geboren wurde und in der ich seit fast einem Jahrzehnt lebe. Gleichzeitig kann ich sagen, dass ich mich auch in Dortmund „zu Hause“ fühle, da meine Eltern und auch mein Bruder dort wohnen.

Deutschland ist der wichtigste HHilde_2andelspartner Rumäniens. Was bringt uns der deutschen Kultur näher? Gleichzeitig, welche sind die relevantesten Unterschiede zwischen den beiden Nationen?

Die Rumänen und die Deutschen sind ein Teil Europas und ich glaube, dass wir gemeinsame Werte und Prinzipien besitzen, desgleichen eine ähnliche Lebensperspektive. In den letzten anderthalb Jahrhunderten wurden wir erheblich von der deutschen Kultur beeinflusst, wir hatten einen deutschen Fürsten und eine deutsche Herrscherfamilie. Lassen Sie uns zudem nicht vergessen, dass unser Nationaldichter auch deutschfreundlich war. Es gibt offensichtlich auch Unterschiede. In Deutschland trifft man sofort auf den sprichwörtlichen deutschen Ernst und die Tatsache, dass alles genau nach Vorschriften erledigt wird. Die Zeit, die dem Beruf gewidmet ist, aber auch die Freizeit sind viel besser organisiert, was paradoxerweise dazu führt, dass die Menschen entspannter sind, weniger gestresst. Die beruflichen und persönlichen Projekte werden mit Disziplin durchgeführt und das Prinzip „es geht auch so” existiert nicht. Im Vergleich dazu sind wir, die Rumänen, überschwänglicher, flexibler, wir passen uns sehr schnell einer neuen Umgebung an und sind irgendwie kreativer. Manchmal zu kreativ. Dort, wo die Deutschen Disziplin besitzen, besitzen wir Humor, und die Deutschen denken eher analytisch und investieren mehr Zeit in die Vorbereitung als in die Durchführung – sagen wir mal 80% Vorbereitung zu 20% Durchführung –, da ist in Rumänien das Verhältnis umgekehrt: hier geht man nah den ersten Schritten direkt zur Durchführung über und man verlässt sich auf die Fähigkeit, die Kräfte zum Ende des Projekts zu bündeln.

Die Handelsbeziehungen haben sich nach 1990 exzellent entwickelt und die Tatsache, dass Deutschland der wichtigste Handelspartner Rumäniens ist, zeigt nicht nur, dass Deutschland die größte Wirtschaftsmacht der Europäischen Union ist, sondern auch, dass Deutschland der bilateralen Beziehung zu Rumänien besondere Aufmerksamkeit schenkt. In den letzten zwei Jahrzehnten haben die deutschen Unternehmer einiges von dem nach Rumänien zurück gebracht, was wir in der kommunistischen Zeit verloren hatten: Know-How, Kapital und Arbeitsethik. Andererseits gibt es hunderte von rumänischen Unternehmen, die Deutschland erreicht haben und den dortigen Markt nutzen.

Um auf Rumänien zurückzukommen: Sie sind hier an mehreren Tätigkeiten mit Wirtschaftsprofil, von Architektur bis Beratung oder Tourismus, beteiligt. Welches ist für Sie die wichtigste berufliche Genugtuung?

Wissen Sie, alle diese Tätigkeiten sind komplementär, der Tourismus und die Architektur passen sehr gut zusammen, vor allem weil wir als Büro für Architektur & Project Management im Bereich Hotellerie und Gastronomie arbeiten. Die größte Genugtuung haben wir dann, wenn wir mit ausländischen Partnern, die nicht viel über Rumänien wissen, durch das Land reisen und diese die wunderbaren Orte hier entdecken. In den Augenblicken merkt man, dass das nicht ihr letzter Besuch sein wird und dass sie höchstwahrscheinlich sogar mit der Familie zurückkehren werden. Ein bekanntes Sprichwort lautet: „Finde deine Leidenschaft und Du wirst keinen Tag mehr in Deinem Leben arbeiten”. Meine berufliche Genugtuung ist, dass ich meine Leidenschaft täglich, manchmal sieben Tage von sieben, lebe. Wenn man gerne arbeitet, dann zählen die späten Stunden oder die verlorenen Wochenenden nicht mehr. Meine Beteiligung an gemeinnützigen Projekten wie RePatriot, Mentoria oder Super Teach der Romanian Business Leaders oder ROBELO (Romanian Best Locations) – ein Portal, das dem Tourismus in außergewöhnlichen Orten aus Rumänien gewidmet ist -, gibt mir berufliche, aber auch persönliche Genugtuung. Ich stamme aus einer Familie, die auf dem ausgewählten beruflichen Weg sehr aktiv, engagiert und leidenschaftlich ist. Die Eltern waren für mich und meinen Bruder die besten Lehrer, sie haben uns dazu ermutigt, unsere Träume zu verwirklichen, ohne aber zu vergessen, dass man mit beiden Beinen auf der Erde bleiben soll. Die Eltern und auch die Großeltern waren ihrerseits eine Quelle für Wissen, Geschichte und Literatur. Die Inspiration, die aus den Prinzipien stammt, die ich mir innerhalb der Familie angeeignet habe, stellt den Grundstein meiner beruflichen und persönlichen Ebene dar.

Andererseits, was hat Sie zur Welt der Politik gelockt und welche sind die wichtigsten Projekte, die Sie in dieser Position verwirklichen würden?Hilde_1

Ich bin hauptsächlich auf Vorschlag einiger Freunde in die Politik gegangen, die meisten davon Geschäftsleute, die glauben, dass in Rumänien ein Plus an Engagement seitens des Unternehmertums notwendig ist. Die Ideen, für die ich in der Politik kämpfe, sind sehr simpel: ich wünsche mir einen Minimalstaat, einen essenziellen Staat, der nicht auf brutale Weise in das Leben der Bürger eingreift und der ihnen erlaubt, sich frei zu entwickeln. Ich wünsche mir, dass es möglich wird, eine Firma an einem einzigen Tag zu gründen, dass die Beziehung zwischen Staat und Steuerzahler gänzlich debürokratisiert und die Arbeit nicht mehr „bestraft” wird, so wie es jetzt geschieht. Ich wünsche mir steuerliche Vorhersehbarkeit und mehr Respekt– ein Begriff, der nicht als ein Slogan verstanden werden, sondern im Alltag in die Praxis umgesetzt werden soll – den Bürgern gegenüber. Wir werden z.B. nie ein gut funktionierendes Gesundheitssystem oder Bildungssystem haben, wenn wir nicht in der Lage sind unsere gestalterische Energie in funktionierende Systeme umzusetzen. Der Bürger muss selber entscheiden, wo er sich behandeln lassen oder wo er lernen möchte. Der Staat muss ihm das nicht sagen. Dafür bin ich in die Politik gegangen.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit am Ende des Arbeitsprogramms, welche sind Ihre Hobbies und Leidenschaften?

Allgemein stehe ich vor 8:00 auf und komme selten vor 22:00 nach Hause. Ich habe nicht sehr viel Zeit für richtige Hobbies, aber ab und zu schaffe ich es, Tennis zu spielen, zu schwimmen oder zu laufen. Manchmal gehe ich ins Kino oder zu einer Ausstellung. Zur Zeit versuche ich, mein Programm so zu gestalten, dass mir Zeit bleibt, meine Freunde zu sehen, die mir oft mitteilen, dass ich zu aktiv geworden wäre und dass ich ihnen fehlen würde. Seit einigen Jahren habe ich das Donaudelta neu entdeckt, da versuche ich hinzufahren, so oft ich die Gelegenheit dazu habe und das unabhängig von der Jahreszeit. Jetzt, im Dezember, ist die Landschaft absolut unglaublich. Das Meer und die Donau treffen aufeinander an einem wunderbaren Ort, Sfântu Gheorghe, wo ich mich sehr wohl fühle. Es ist ein Raum, in den ich fliehen kann, auch wenn nur für einen Tag oder zwei. Der Weg dahin, den ich gerne am Steuer zurücklege, ist ein kleiner Urlaub, voll von unvergesslichen Landschaften. Wenn ich dann an der Donau ankomme und mit dem Boot durch die malerischen Kanäle, gesäumt von üppiger Vegetation, fahre, sind das für mich magische Momente. Wir haben so viele wunderbare Orte in Rumänien! Wenn ich die Nachteile der mangelhaften Infratruktur beiseite lasse, sind auch die Reisen durch das Land, die ich anlässlich der Projekte unternehme, an denen ich beteiligt bin, visuelle Mini- Urlaube, die mir Vergnügen bereiten.

Interview von Ioan Dornescu

Romania
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