Ich habe einen schwachen Chef, was tun?

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Viele von Ihnen sind in einem Angestelltenverhältnis und Sie haben in irgend einer Weise mit einem Chef zu tun. Wenn es ein guter Chef ist, macht es Spass in solch einem Umfeld zu arbeiten und beruflich weiter zu kommen. Nicht selten ist allerdings das Gegenteil der Fall, der Chef trifft keine Entscheidungen und hat zudem noch Angst vor Konflikten. Vielleicht ist er in seiner Unsicherheit auch noch misstrauisch und hat vor allem Angst, was seine Position gefährden könnte.

Was mache ich mit so einem Chef, kann ich ihn vielleicht sogar erziehen? Wir wissen aus unterschiedlichen Epochen unserer Geschichte, dass ein schwacher König in einem System immer ein potentielles Risiko ist. Es gibt fast nie ein Vakuum an Macht; wird sie nicht vom Chef ausgefüllt, so tritt ein anderes System (Konkurrenz, andere Abteilung) oder die zweite Ebene auf den Plan. Übrigens passiert das gleiche in Lebensgemeinschaften: wenn der eine Partner zu „weich” ist, übernimmt der andere die Führung.

Schauen wir uns einmal genauer an, was Sie in so einer Situation machen können. Natürlich steht Ihnen immer die Möglichkeit offen, Ihr Spielfeld zu wechseln und sich einen anderen Job suchen; aber oftmals ist dies gar nicht nötig. Wenn Sie in diese Situation gelangt sind, fühlen Sie einmal genau, was sich in Ihnen selbst regt. Vielleicht spüren Sie Frust, Ärger, Unzufriedenheit, oder Sie übernehmen die Opferrolle? Welche Chance liegt möglicherweise für Sie in dieser Situation? Gibt es etwas in Ihnen, dass sich stärker als bisher einbringen will, dass sich die Situation verändert?

Ihrem Chef direkt ins Gesicht zu sagen, er sei ein Weichei, wird die Situation kaum verändern, es wird eher Ihren Weggang beschleunigen. Sie tun sich damit wohl kaum einen Gefallen. Was können Sie nun konkret tun? Nehmen wir einmal an, Ihr Chef trifft keine Entscheidungen. Ein ewiges Hin und Her verursacht auf den unteren Ebenen Unsicherheit. Nehmen Sie die Dinge öfter selbst in die Hand. Informieren Sie Ihren Chef immer, aber treffen Sie Entscheidungen in Ihrem Bereich selbst, soweit Sie das können. Schaffen Sie Fakten. Zwar kann es sein, dass Ihr Chef dann aufmuckt, aber die Sache ist erst mal durch. Selten ist jemand entlassen worden, weil er Entscheidungen trifft. Gestalten Sie sich auf diese Weise einfach mehr Freiheiten in Ihrem Bereich.

Vielleicht verlangt die Situation von Ihnen Stärke, dass Sie es manchmal ruhig auf eine Konfrontation ankommen lassen. So hatte ich kürzlich in meinem Büro einen Fall eines lokalen Managers, der mit seiner Abteilung stark unter einem internationalen Vorgesetzten zu leiden hatte, der keine Entscheidungen traf. Für ein Projekt wurde mehrfach der Investitionsbetrag geändert und viele Kostenkalkulationen wurden fällig; es ging monatelang hin und her. Das Team war völlig demotiviert. Er hat schliesslich den Mut aufgebracht, das Problem wieder “zurück nach oben” zu deligieren. Er machte seinem Chef respektvoll deutlich, dass es so nicht ginge. Er solle bitte endlich entscheiden, wie hoch die Summe sei, sonst machen weitere Berechnungen keinen Sinn. Seit diesem Moment haben sich die Dinge geändert und er bekam dann sogar von anderen lokalen Managern Unterstützung.

Wenn Ihr Chef unsicher und nervös ist, versuchen Sie sein Vertrauen zu gewinnen. Geben Sie ihm Signale, dass er sich auf Sie verlassen kann. Beruhigen Sie ihn immer wieder und bestätigen Sie ihn, gewisse Dinge zu tun. Es gibt in der Tat manche Chefs, die ängstlich sind und Rückhalt in den eigenen Reihen gut gebrauchen können. Beraten Sie ihn, empfehlen Sie ihm weitere Schritte und Lösungen aber nehmen Sie ihm nicht die Luft zum atmen, er soll schon den letzten Schritt selbst tun. Kann Ihr Chef keine Prioritäten setzen, ist ihm die neue Kaffeemaschine genauso wichtig wie der Millionen-Deal mit dem neuen Kunden aus Übersee, dann schlagen Sie ihm einfach Ihre Sicht vor und erklären ihm, warum diese Sicht auch ihm persönlich dienlich ist. Lassen Sie ihn im Aussenverhältnis stets als Entscheider auftreten.

Schliesslich bleibt noch eine Wunderwaffe: versuchen Sie es immer mal mit Humor! Humor macht vieles leichter, er läßt uns in schwierigen Momenten ein wenig Luft zum atmen. Sie können, wenn Sie ein wenig geübt sind, mit Humor bei Ihrem Chef den einen oder anderen Punkt für sich verbuchen. Egal, wie Ihr persönlicher Fall gestrickt ist, Sie werden immer etwas lernen, vor allem über sich selbst. Viele Manager sollten sich in solchen Konstellationen ruhig mal ihre eigenen Ängste und Glaubensmuster anschauen; nehmen Sie sich Ihrer persönlichen Gefühlslage erst mal an und erkennen darin Ihre Lernaufgabe, löst sich das Problem nicht selten von selbst.

von Dr. Michael Schroeder

Selgrosrot
Romania
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