Kann ich in meinem Beruf authentisch sein?

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Sind Sie immer so wie Sie wirklich sind? Wir alle geraten im Laufe unserer beruflichen Karriere in Situationen, in denen wir uns verstellen müssen, also nicht so sein dürfen, wie wir eigentlich wirklich sind. So möchten Sie Ihrem Chef einmal richtig die Meinung sagen, aber Sie tun es dann doch nicht oder Sie müssen eine Idee verkaufen, an die Sie selbst nicht glauben. Das Schlüsselwort heisst ­authentisch. Wir bezeichnen Menschen gewöhnlich als authentisch, wenn sie echt sind, also so sind, wie sie wirklich sind. Solche Menschen haben eine reife Persönlichkeit, sie fallen oft dadurch auf, dass sie ehrlich sagen, was sie denken, dass sie gut zuhören können und verlässlich sind.

Allerdings ist es für uns gar nicht immer so einfach, das echte an uns selbst zu erkennen. Wir leben zum großen Teil in einer von uns entfremdeten Welt, die durch unsere Gesellschaft, unsere Erziehung und eigenen Erfahrungen entsteht. Wir investieren viel Zeit in unsere Facaden, unsere Scheinpersönlichkeiten. Wir kopieren Verhaltensweisen von anderen, machen Kompromisse, um etwas zu erreichen wie einen bestimmten Lebensstandard oder eine Position in der Firma; wir nehmen uns einfach nicht die Zeit, uns selbst zu erforschen, also wirklich in unser tieferes Innere vorzustoßen. Wir sind oftmals wie ein Fähnchen im Wind, das seine Richtung dauernd ändert.

Authentisch sein klingt gut, allerdings gibt es hier auch eine negative Seite, die wir gerne übersehen. Nehmen wir etwa den Fall eines kollerischen Chefs, der herumbrüllt und einfach seinen negativen Gefühlen freien Lauf lässt, ohne Rücksicht auf andere, oder Wut, die in uns aufsteigt und die wir unkontrolliert rauslassen; Oder wir sehen jemand, der anfängt zu weinen. All dies ist auch „echt“. Mit derartigen Manifestationen fühlen wir uns jedoch eher unwohl, wir wollen sie nicht haben, obwohl sie auch in uns sind.

Was machen wir nun mit dieser Erkenntnis, dass wir eigentlich kaum wissen, was an uns authentisch ist und wie wir mit den negativen Ausprägungen umgehen sollen? Eigentlich gibt es nur eine Lösung: auf innere Entdeckungsreise gehen, sich erleben und erfahren, sich beobachten. Vielleicht helfen Ihnen auf dieser Reise die folgenden drei Empfehlungen ein wenig weiter:

1. Erst einmal einen offenen und ehrlichen Umgang mit sich selbst praktizieren, in dem alles sein darf, das Positive und Negative. Dies wird Ihnen die Augen öffnen. Wir wollen nur eins und blenden das andere aus. Dieses Verhalten rächt sich dann irgendwann. Lernen Sie, Ihre Gefühle wahrzunehmen, auch Ihre Unzufriedenheit, Ihre Gereiztheit, Ihre Wut und vieles mehr. Verabschieden Sie sich von Kategorisierungen, die wir alle gelernt haben. Alles darf sein. Beobachten Sie sich dabei, ohne einzugreifen, ohne zu werten, nehmen Sie alles wahr. Tun Sie dies am besten allein, ohne andere Menschen in Ihrer Nähe. Wenn Sie dies regelmäßig praktizieren, ohne zu werten, wird sich in Ihnen etwas verändern.

2. Aktivieren und kultivieren Sie Ihre innere Stimme. Seien Sie ehrlicher zu sich selbst, zu dem, was Sie wirklich spüren. Horchen Sie einfach mal in sich hinein, Ihre innere Stimme wird Ihnen schon sagen, ob sie noch “echt” sind oder etwas tun, was bewusst gegen Ihre Überzeugungen geht. Geben Sie Ihrem Verstand bitte nicht all Ihre Energie, er hat nur einen begrenzten Horizont. Unterschätzen Sie dieses innere Gefühl nicht, es ist der innere Kompass, den wir alle haben. Leider ist er bei vielen von uns über die Jahre verkümmert, wir haben es in unserer Erziehung nicht geübt. Spüren Sie einmal öfter in sich hinein, ja wir sind in der Tat mehr als nur Gewebe, Flüssigkeiten, Organe und Knochen. Erinnern Sie sich an Situationen, in denen sich die innere Stimme gemeldet hat, das sind gute Referenzpunkte für unsere Arbeit.

3. Wir spielen Rollen, dabei sind wir alle mehr oder weniger gute Schauspieler. Da ist die Rolle der Mutter oder des Vaters, des Geschäftsführers, des Liebhabers, des Bankers, des Arztes, die wir zu einem bestimmten Zeitpunkt wählen und die für lange Zeit unsere Realität bleibt. Prüfen Sie nun Ihre Rollen genauer. Was kommen für Reaktionen hoch? Was mögen Sie, was nicht? Achten Sie bei der Ausübung Ihrer Rollen AUCH auf das was Sie fühlen. Stellen Sie sich nun folgende Fragen selbst: “Kann ich in meinem Beruf weitgehend so sein wie ich wirklich bin, erlaube ich mir überhaupt, echt zu sein? Welcher Informationsquelle höre ich gerade zu, meinem starken und sehr gut trainierten Verstand, der Kontrolle will, meinen Ängsten oder meiner inneren Stimme? Habe ich bei meinen Rollen überhaupt eine Wahlmöglichkeit?“ Ein Vater kann nicht so ohne weiteres entscheiden keiner mehr zu sein. Aber was Sie immer wählen können, ist die Art und Weise, WIE Sie Ihre Rollen auf dem Spielfeld spielen. Richtig, es geht um Ihre Einstellung. Überprüfen Sie einmal genau, wieviel Echtheit in Ihrem Leben durch eine womöglich falsche Einstellung verloren geht.

Auf einmal kann ein Raum für reife, bewusst erlebte Authentizität entstehen, die von innen kommt, nicht erlernt ist, die Realitäten der menschlichen Psyche und unsere legitimen Bedürfnisse anerkennt und nicht auf Kosten der Mitmenschen geht. Machen Sie es zu Ihrem täglichen Ritual, mindestens einmal in sich hineinzuspüren: Wie geht es mir heute, was fühle ich? Alles darf sein, schauen Sie sich Ihr inneres Gefühlstheater ruhig an…Sie werden dank Ihrer wachsenden Intuition immer mehr über sich erfahren und Ihren Weg zur eigenen Authentizität finden, dank Ihrer Gefühle. Ihr Verstand dürfen Sie dann gerne wieder benutzen, wenn es um konkrete Dinge der Umsetzung dieses neuen Lebensgefühls auf Ihren Spielwiesen und in Ihren Rollen geht.

von Dr.Michael Schroeder

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