Leipzig liest Rumänien

Leipzig
Foto: Tom Schulze / Leipziger Buchmesse

Vor genau 20 Jahren zog die Leipziger Messe um aus dem zentral gelegenen Messehaus am Markt auf eine größere Ausstellungsfläche – und Buchmesse-Chef Oliver Zille hatte Rumänien eingeladen, erstes Schwerpunktland im neuen Format zu sein. Der Zeitpunkt war ausgezeichnet: Rumänien war gerade aus einem internationalen Schattendasein ausgebrochen, zu dem es sich selbst durch die brutalen Vorfälle im Juni 1990 verurteilt hatte; seit 1997 hatte das Land immer entschlossener einen West-Kurs eingeschlagen. Die Neugierde war groß und der neue Präsident Emil Constantinescu und Andrei Ple?u, bekannter Intellektueller und Außenminister, reisten nach Leipzig, um über Rumänien zu sprechen. Doch auch das östliche Deutschland stand voll in einem Erneuerungsprozess, nach der erst vor wenigen Jahren erfolgten Wiedervereinigung. Rumänien war allerdings kein völlig unbeschriebenes Blatt in Leipzig und auch umgekehrt war die Buchmesse den Rumänen vertraut: In den 1970er und 1980er Jahren war die Leipziger Buchmesse eine der wenigen Gelegenheiten für Autoren und Illustratoren, aus dem Alltag ihres Landes wegzukommen, erinnert sich das Team um Oliver Zille. „Zwei Kulturen begegneten sich also damals, die auf Verlagsebene relativ eng zusammengearbeitet hatten und die sich jetzt freuten, zusammen die neu erlangte Freiheit zu feiern. Es war also eine euphorische Aufbruchstimmung”, erinnert sich auch Ioana Gruenwald von der Agentur Headsome die auf Öffentlichkeitsarbeit im Literaturbetrieb spezialisiert ist. Doch abgesehen von der ausgelassenen Atmo und der Romantik des Neubeginns, war die Wiederherstellung der Beziehungen kein einfaches Unterfangen: „Es gab größtenteils keine Übersetzungen, keine Verlagskontakte nach der Wende, die Autoren waren kaum ins Ausland gekommen, zu wenig war über sie bekannt”, beschreibt Ioana Gruenwald die damalige Situation.

Schnellvorlauf auf 2018: Die Leipziger Buchmesse verbucht 20 Jahre Erfolg am neuen Veranstaltungsort. Im Vergleich zur Frankfurter Buchmesse, die sich vor allem auf das Verlagsgeschäft profiliert hat, setzt die Leipziger Buchmesse mehr auf die Rolle einer Plattform für den Kontakt zwischen Lesern und Autoren. Parallel zur Buchmesse läuft hier auch das Festival „Leipzig liest”. Die letzte Ausgabe besuchten über 200 Tausend Menschen, die Zahl der Aussteller liegt bei fast 2.500 und 43 Länder nahmen teil. Und der gleiche Messe-Chef Oliver Zille hat Rumänien eingeladen, einmal wieder als Protagonist dabei zu sein.

Diesmal wird der Auftritt Rumäniens unter dem Logo zoom-in-Romania professioneller sein, erwartet Ioana Gruenwald – sie ist in 2018 Kuratorin des Veranstaltungsprogramms im Rahmen der rumänischen Beteiligung als Sondergast der Leipziger Buchmesse. Ihre Erwartungen sind nicht aus der Luft gegriffen. Erste Eindrücke sammelt das Publikum über die rumänischen Verlage bei einem Stand, der vom Architekten Attila Kim gestaltet wurde. Er ist auch für den Auftritt Rumäniens bei der Architekturbiennale von Venedig zuständig. Für Leipzig dache Attila Kim an ein 300 Quadratmeter großes Amphitheater, in dessen Mitte die Events durchgeführt werden. Dutzende Veranstaltungen zur Förderung von Kultur und besonders Literatur sind geplant, rund 50 Gäste werden erwartet und – aus der Verlagsperspektive am wichtigsten vielleicht – im Mittelpunkt stehen etwa 40 rumänische Titel, die ins Deutsche übersetzt wurden. Es ist letztendlich eine kollektive Anstrengung, mit vielen Akteuren – mit im Boot sind das Kulturministerium als Organisator, das Kulturinstitut ICR, die Stadt Bukarest, der rumänische Verlegerverband AER und auf der ausländischen Seite die Leipziger Buchmesse, die Stiftung Traduki, das Institut ProHelvetia, die deutsche Botschaft in Rumänien oder das Goethe-Institut Bukarest – ohne sie und andere Partner hätte das rumänische Programm nicht diese Form gehabt, räumt Ioana Gruenwald von der Agentur Headsome ein.

Der Schwerpunkt fällt diesmal in Leipzig auf Politik und Diskussion, in einem Kontext, in dem heute die etablierte globale Ordnung und die gesellschaftliche Entwicklung immer stärker hinterfragt werden. „Geschichte und Gegenwart Rumäniens, mit seinen vielfältigen Ethnien, Sprachen und Religionsgemeinschaften kann für eine gemeinsame europäische Zukunft Gedankenentwürfe liefern und neue Perspektiven aufzeigen”, betonte Buchmesse-Chef Oliver Zille, der so auch ein Argument für die Wahl Rumäniens als Schwerpunktland lieferte.

Außer rein literarischen Events wird anlässlich der Messe im Leipziger Rathaus (6.-13. März) und anschließend im Hauptbahnhof (12.04 – 6.05), einem Ort mit enormer Sichtbarkeit, eine Ausstellung mit Bildern aus dem historischen Bukarest stattfinden. Sie unterstreicht die sehr alte Verbindung zwischen den beiden Städten und den signifikanten Einfluss der Handwerker, Kaufleute, Unternehmer und Experten aus dem deutschen Raum auf die Modernisierung des rumänischen Staates hatten; von daher konzentrieren sich die Ausstellung und das dazugehörige Buchprojekt auf die Lipscani-Straße, die über längere Zeit die wichtigste Geschäftsstraße der rumänischen Hauptstadt war.

Zwischen dem 26.02 und dem 13.03 werden außerdem im UT-Connewitz-Kino über 10 rumänische Produktionen gezeigt: Kurzfilme, Dokumentationen und Spielfilme – ein Minifestival unter dem Titel Leaving (to) Romania.

Es ist eine beachtenswerte Verpackung, aber seit 1998 hat sich nicht nur die Form, sondern auch der Inhalt verändert: „Der Kontext ist heute ein anderer; der Buchmarkt hat verschiedene Phasen durchlaufen, einige besser, andere schlimmer; der Generationenwechsel hat sich auch in der Welt der Autoren vollzogen. Wichtiger ist aber, dass die rumänische Literatur im europäischen Raum angekommen ist, obwohl wir es bislang mit einer sehr scheuen Präsenz zu tun haben. Aber es gibt eine offene Tür und wir hoffen, dass jetzt in Leipzig möglichst viele Autoren durch sie gehen und die Welt betreten”, wünscht sich Gruenwald.

Leider, fügt sie hinzu, gibt es die rumänische Literatur auf dem deutschen Buchmarkt nicht, „sie verliert sich darin wie eine Nadel im Heuhaufen”. Dass in den letzten Jahren nur eine Handvoll Autoren von Belletristik, einige Sachbücher und vielleicht etwas Fachliteratur übersetzt wurden, lässt die über 40 Titel, die jetzt in Leipzig gezeigt werden, wie „eine kleine Glanzleistung” aussehen. Ioana Gruenwald beschreibt ein kompliziertes Verlagssystem: „Die große Mehrzahl dieser Titel wurde finanziell vom Nationalen Buchzentrum beim ICR durch das Programm für die Subvention von Übersetzungen unterstützt. Deutsche Verleger wählen die Titel nach der eigenen Strategie aus. Einige wenige suchen nach frischen Autoren, die meisten wollen bereits etablierte Namen, die eventuell zunächst auch in andere Sprachen übersetzt wurden. Gefragt sind Geschichten mit lokalem Flair, aber auch allgemeine Themen, die in einem innovativen Ansatz aufgearbeitet werden. Ein weiteres Problem ist, einen guten Übersetzer aus dem Rumänischen ins Deutsche zu finden – das ist übrigens auch ein aktuelles Thema. Der deutsche Verlag spielt alle finanziellen Kalkulationen durch, bevor er «riskiert», einen rumänischen Schriftsteller zu veröffentlichen. Aber das macht er mit jedem neuen Autor, den er ins Programm nimmt. Leipzig stellt einige Autoren in den Vordergrund, die zum ersten Mal übersetzt wurden, aber auch neue Titel von Autoren, die das Publikum bereits kennt. Wichtig ist, dass der mehr oder weniger große Erfolg dieser Titel in Leipzig ein langfristiges Interesse erwecken, so dass sich der deutsche Verleger daran gewöhnt, hin und wieder einen Namen aus Rumänien zu veröffentlichen”.

Die rumänische Buchindustrie ist allerdings bescheiden. In Leipzig sieht man vielleicht auch diesen Unterschied im Kaliber. In 2016 lagen die Umsätze nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in diesem Land bei rund neun Milliarden Euro, während sie in Rumänien bei etwa 100 Millionen Euro liegen – Schulbücher inklusive (die Zahl nennt AER-Geschäftsführer, Mihai Mitric? in einem Artikel in Business Magazin). Eine eher schwach aufgestellte Industrie wird voraussichtlich Probleme haben, sich alleine auf dem internationalen Markt durchzuschlagen. Praktisch kommt deshalb dem Staat eine wichtige Rolle bei der Förderung zu – und es geht nicht um schöne Worte, sondern um handfeste Unterstützung.

Ein Instrument gibt es bereits dafür: das Nationale Buchzentrum beim ICR. Es wurde vor Jahren schon nach dem Modell ähnliche Einrichtungen aus anderen Ländern eingeführt und auf sein Konto geht bereits eine beeindruckende Liste rumänischer Titel, die international erschienen sind. „Wichtig ist, dass so eine Einrichtung konstant aktiv ist, einen stabilen Etat hat, um ein vertrauenswürdiger Partner für die ausländischen Verlage zu sein, die an rumänischer Literatur interessiert sind. Wenn der ausländische Verleger weiß, dass du ihn bei der Anstrengung zur Veröffentlichung eines unbekannten Autors unterstützen kannst, wird er zu deinem vertrauensvoller Partner werden. Und das ist das wichtigste: solide Brücken zwischen Kulturwelten zu bauen. Nicht wahr?”, fragt Ioana Gruenwald rhetorisch.

Das Nationale Buchzentrum hat allein für das Sonderprojekt anlässlich der Leipziger Buchmesse Subventionen in Höhe von über 185 Tausend Euro für die Erscheinung der rumänischen Titel in deutscher Sprache gezahlt – im Vergleich dazu wurden für das gesamte Jahr 2017 im Translation and Publication Support Programme rund 155 Tausend Euro veranschlagt.

Die Investition lohnt sich aber, glaubt sie: „Dass die Kulturprodukte das Länderimage verbessern, braucht keine Argumente mehr, wenn rumänische Filme die Kinosäle in jeder Ecke in und auch jenseits von Europa füllen. Und auch Schriftsteller können Sympathie und Interesse erwecken. Es kommt nur darauf an, ihnen als Staat Unterstützung zu geben, wenn sie sie brauchen. Und dann formt sich dieses «Image», von dem wir ständig reden, von selbst”.

Die Leipziger Buchmesse findet im Zeitraum 15. – 18. März statt. Informationen über das Event-Programm sowie die Liste übersetzter Titel und der im UT Connewitz gezeigten Filme gibt es im Internet unter zoom-in-romania.ro. Details zur Ausstellung im Rathaus und dem Leipziger Hauptbahnhof: www.promenaden-hauptbahnhof-leipzig.de/news-und-events/

von Alex Gröblacher

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