Mehr Überbrückung braucht das Land

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Echte oder sinnbildliche Brücken zu bauen, ist ein edler Beruf. Brücken zwischen den Völkern sind eine in der Diplomatie oft bediente Metapher. Früher lernten rumänische Schüler sehr früh im Geschichtsunterricht über Appolodorus von Damaskus, dem nachgesagt wird, die erste große Donaubrücke gebaut zu haben (dass er sie zu weniger friedlichen Zwecken erschaffen hatte, um der römischen Armee das Vordringen nördlich der Donau zu ermöglichen, ist weniger relevant). Und jedes Kind, das am Schwarzen Meer war, kennt Anghel Saligny und seine große Brücke in Cernavod?.

Heute hat Rumänien bescheidenere Infrastrukturleistungen, Brücken inklusive. Vorhandene werden schlecht gepflegt – in Bukarest bröckelt beispielsweise die Constan?a-Brücke vor den Augen der Passanten.

Neue Brücken werden kaum mehr gebaut, und wenn – Basarab oder Ciurel, um in Bukarest zu bleiben – werden sie mit hoher Verspätung und zu immensen Kosten geliefert. Anderswo werden eigentlich gute Projekte von verdächtigen Ausschreibungen überschattet, wie bei der rumänisch-bulgarischen Donaubrücke Vidin-Calafat.

Zum Glück gibt es den neuen Nationalsport des Überbrückens. Vor allem Beschäftige beim Staat tüfteln emsig an Kombinationen, um gesetzlich freie Tage mit Wochenenden oder untereinander so zu verbinden, dass optimal lange Miniferien und Superwochenden resultieren.

Die Aufgabe ist um so leichter, als in den letzten Jahren die Politiker großzügig immer neue Feiertage eingeführt haben. Als Christenvolk gibt es heute dienstfrei an Pfingsten, an Skt. Andreas oder Mariä Himmelfahrt, obwohl – wie es die Praxis zeigt – wenige überhaupt wissen, worum es dabei geht. In hoher Zahl sind auch die weltlichen Anlässe zur Verschnaufpause: am Tag der Kinder, der Kleinen Vereinigung, dem Tag der Arbeit und am Nationalfeiertag haben Beschäftigte dienstfrei .

Das Problem ist nicht der einzelne arbeitsfreie Tag, ihn gibt es in der jeweiligen Form in vielen anderen Gebieten und auch seit längerer Zeit als in Rumänien. Nur stellt er dort genau das dar: einen Tag. In Rumänien entscheiden sich Beschäftigte, ihren Überstundenausgleich just um diesen Tag anzusetzen, und der Staat schenkt ad hoc auch andere freie Tage, um die Zeit zwischen den gesetzlichen Feiertagen und den Wochenenden zu überbrücken: die Regierung erklärte großzügig den 30.April zum dienstfreien Tag im öffentlichen Dienst, der 1. Mai war sowieso ein Feiertag, dann drei Tage Überstundenausgleich, plus Samstag und Sonntag – fertig sind die Ferien. Und erst im April hatte die Regierung Karfreitag als dienstfrei geschenkt, um mit Ostermontag auf ein verlängertes Wochenende zu kommen.

Natürlich sind diese langen Pausen verheerend für die Produktivität. Selbst wenn in der Theorie eher Staatsbeschäftigte die großzügigen Arrangements genießen, wird auch die Privatwirtschaft von der Wirkungen erfasst. Beschäftigte aus dem Privatsektor müssen sich plötzlich um ihre Kinder tagsüber kümmern, weil Kindergärten oder Schulen per Ukas schulfrei aufzwingen. Firmen, die mit dem Staat arbeiten, drehen Däumchen, weil sie keine Ansprechspartner haben. Wenn die Firma zudem Leute an Feiertagen ins Büro ruft, muss sie extra bezahlen.

Macht nichts: wenn Politiker schon keine richtigen Brücken bauen, haben sie doch das richtige Gefühl für passende Überbrückungen.

von Alex Gröblacher

Selgrosrot
Romania
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