Müssen wir immer produktiv sein?

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Und wieder steht der Sommer vor der Tür. Fast alle von uns gehen dann in den seit langem ersehnten Urlaub. Wie gestalten Sie denn diese Zeit der Entspannung? Lassen Sie die Dinge auf sich zukommen oder planen Sie den Urlaub genauso, wie Sie Projekte im Büro planen? Es ist interessant, wie schwer wir uns oft damit tun, einfach aus diesem To-do-Modus auszusteigen. Immer muss etwas getan werden, auch im Urlaub. Viele von uns merken gar nicht, wie sie auf diese Weise ständig in Spannung gehalten werden, einfach nur aus Gewohnheit, oder weil es alle so machen.

Die Dinge etwas langsamer angehen lassen, sollte nicht gerade dafür der Urlaub da sein? Vielleicht haben Sie auch schon von der Slow Movement Bewegung gehört, die in den 80ger Jahren in Italien aus Protest gegen die Eröffnung eines McDonalds Restaurants entstand. Warum geht es bei dieser Bewegung, die sich mittlerweile auf viele andere Bereiche ausgedehnt hat als nur das Essen? Runterschalten, wie beim Auto, den Rhythmus verlangsamen, einfach bewusster zu sein für das, was wir gerade tun. Schneller ist nicht immer besser; es geht also mehr um Qualität, als um Quantität.

Überlegen Sie einmal, wie Sie dies auf Ihr eigenes Leben übertragen könnten. Sicher, wir haben alle Sachzwänge, da ist die Familie, der Job, die Termine, das ewige Telefonieren, der Verkehrstau. Es ist natürlich viel einfacher, sich diesen Dingen fatalistisch hinzugeben: „Was kann ich schon machen, es ist einfach so“. Wenn Sie diese Option wählen, dann bitte beschweren Sie sich nicht. Vielleicht gibt es aber noch eine andere Option, die einer größeren Bewusstheit, für das, was Sie gerade tun. Was bedeutet das genau? Wie kommen wir aus dem Gefühl des Getriebenseins heraus? Ich biete Ihnen zwei Möglichkeiten an, die Sie einmal ausprobieren können:

1. Nehmen Sie sich während des Tages einfach öfter einige Momente und steigen aus dem Trott aus, egal, was Sie gerade tun: spazieren gehen, eine Sitzung vorbereiten, mit Ihrem Kind spielen. Drücken Sie kurz die Stopp-Taste Ihres eigenen Films; wenn es geht, schliessen Sie die Augen und achten bewusst auf Ihren Atem, ohne etwas zu erzwingen, einfach nur das Atmen beobachten. Für viele von Ihnen ist es kein Problem, für kurze Zeit die Bürotür zu schliessen, um mit sich allein zu sein. In diesen wertvollen Momenten muss nichts getan, gedacht oder vorbereitet werden, bleiben Sie einfach dort, wo sie gerade sind, einfach nur da sein, ohne Anstrengung. Halten Sie alles an, nur für einige Momente. Egal, ob es nur 1 oder 3 Minuten sind. Danach drücken Sie wieder die Play-Taste. Schauen Sie dann, was dieser mehrmalige Wechsel zwischen Phasen der Aktivität und kurze Phasen der inneren Ruhe mit Ihnen während des Tages macht, was sich daraus ergibt. Das ganze bitte ohne Erwartungen. Probieren Sie es aus.

2. Da gibt es noch eine andere Möglichkeit, etwas mehr Bewusstheit in Ihr Leben zu bringen. Fangen wir mal mit einer einfachen Übung an. Wenn Sie simple Tätigkeiten verrichten wie Auto fahren, essen kochen, mit den Kindern spielen, sauber machen, etc., bleiben Sie dann einfach ganz präsent, als wenn genau diese Tätigkeit das heiligste überhaupt auf der Welt wäre, was Sie tun könnten. Geben Sie sich diesen Tätigkeiten einfach hin, ohne zu bewerten, zu analysieren, sich in der Opferrolle zu sehen oder sich von anderen kreativen Verlockungen Ihres Verstandes aus diesem Zustand herausreissen zu lassen. Versuchen Sie es mal.

Bei diesen Vorschlägen handelt es sich nicht um Werkzeuge, Ihr Leben effizienter zu machen. Es geht gar nicht um Effizienz auch wenn dies eine Konsequenz sein könnte. Es geht darum, sich für eine andere Einstellung zum Leben zu öffnen und das besonders zu schätzen, was das einzig wahre ist: der jetzige Moment, egal, was Sie gerade tun. Vielleicht betrachten Sie dann das Thema Entschleunigung aus einem ganz neuen Blickwinkel…

Ist der nahende Urlaub nicht eine wunderbare Gelegenheit, über Ihre Entscheidung, wie Sie dem Leben begegnen, neu nachzudenken und sich vielleicht neu zu entscheiden? Viktor Frankl, ein berühmter österreichischer Psychiater hat einmal gesagt: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit“.

Dr. Michael Schroeder

Selgrosrot
Romania
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