Schlechte Karten

Noch vor den Winterferien hat Kulturminister Vlad Alexandrescu die vier rumänischen Städte angekündigt, die es in die engere Auswahl für die Bewerbung um die Position der europäischen Kulturhauptstadt im Jahr 2021 geschafft haben: Bukarest, Baia Mare, Cluj und Timi?oara. Der Titel ist begehrt – der siebenbürgischen Stadt Sibiu, die ihn im Jahr 2007 hielt, gelang es, ihr Standortprestige zu verbessern und Investitionen heranzuziehen. Touristen kamen in Scharen, die lokale Wirtschaft boomte. Dass Klaus Johannis heute Präsident von Rumänien ist, gründet zum Teil auch auf seinem damaligen Imagegewinn als Bürgermeister von Sibiu.

Zu den anderen drei Städten kann ich wenig sagen. Für Bukarest aber sehe ich schwarz, falls nicht bald etwas geschieht.

Vor dem 30. Oktober und dem katastrophalen Brandunglück im Club Colectiv standen die Chancen der Millionenstadt vielleicht nicht gerade schlecht. Stimmt, der staatsgetragenen Kultur bekam der Kapitalismus nach der Wende nicht sehr gut – Kinos sahen sich beispielsweise gezwungen, ihren Betrieb einstellen. Aber in den dunklen Kellern und engen Dachgeschossen baufälliger, aber immer noch schöner Art-déco-Gebäude entstand eine lebendige Kunstszene, die an die europäische und internationale Szene anknüpft und dennoch ihre eigene Identität fand. Literatur, Tanz, Musik, Theater und Performance, Visual Arts oder Poetry Slams sind keine isolierten Darstellungsformen für abgehobene Eliten, sondern gehören zum Alltag in zentral gelegenen Kneipen, Art Cafés oder Theaterhäusern. Dagegen scheint die offizielle Museumsszene verknöchert.

Nach dem 30. Oktober bleibt aber kein Stein auf dem anderen. Von heute auf morgen trat an Stelle des laxen Umgangs mit Bauvorschriften und Brandschutznormen eine brutale Durchsetzungswut. Die Politik zog Konsequenzen aus dem Colectiv-Debakel, das eine Regierung dahinfegte. Kinos, Theater, Klubs und andere Kultureinrichtungen, die das Publikum 25 Jahre lang und mehr in den alten Gebäuden begeisterten, schlossen aufgrund neuer Vorschriften über Nacht. Die bei Touristen beliebte und bis in die frühen Morgenstunden geschäftige Bukarester Alte Stadtmitte gleicht einer Geisterstadt. Der Magheru-Boulevard, einst wichtige Flaniermeile neben der Calea Victoriei, verkommt zur sechsspurigen Durchfahrtstraße, die man nur so schnell wie möglich passieren will.

Das hätte nicht sein müssen. Dass Bukarest stark erdbebengefährdet ist, weiß hier jedes Kind. Kommunalpolitiker hätten zumindest in die Sanierung der Gebäude investieren müssen, in denen Kultureinrichtungen der Stadt sitzen. Sie haben das nicht getan. Fehlende Mittel sind nur ein Vorwand. Ein Bericht des Rechnungshofes legte im Januar offen, dass die Verwaltung der Bezirke allein zwischen 2007 und 2014 knapp 600 Millionen Euro für Grünflächen ausgegeben hat. Dabei wurden bei Beschaffungen im Verfahren der Direktvergabe für Blumen zum Teil bis zu 20 Mal mehr als üblich bezahlt. Die Quittung für den Missbrauch dürften sie schnell genug bekommen: auf dem Wahlzettel bei den Kommunalwahlen im Sommer oder vom Staatsanwalt. Leider rettet das weder die Kandidatur der Stadt, noch das Gastgewerbe, von Menschenleben im Falle eines Erdbebens ganz zu schweigen.

von Alex Gröblacher

Romania
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