Was mache ich mit Geschichtenerzählern im Büro?

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Wir alle kennen sicher in unserem beruflichen und privaten Umfeld solche Menschen, die gerne erzählen. Das mag in entspannter Atmosphäre bei einem Bier oder zuhause noch ganz in Ordnung sein, aber im Büro ist ein derartiges Verhalten oft eine Herausforderung. Was mache ich mit einem Mitarbeiter, der dauernd im Erzählmodus ist und mich von der Arbeit abhält? Dazu müssen wir erst einmal verstehen, warum Menschen so sind, wie sie sind. Vier verschiedene Typen von Geschichtenerzählern sind mir bisher untergekommen, die ich Ihnen im folgenden näher erläutern möchte.

1. Letztes Jahr war ich mit meiner Mutter auf einem Weinevent in Rumänien und wir trafen dort einen ältern, traurig wirkenden Mann, der uns am Tisch seine Geschichte erzählte. Er wirkte einsam, auf die Vergangenheit fokussiert und war gar nicht richtig anwesend. Er wollte nur über sich reden und schaute uns dabei noch nicht einmal richtig an. Viele Menschen erzählen aus Einsamkeit heraus; weil sie oftmals keine Personen in ihrem Privatleben um sich haben, suchen sie sich welche, zum Beispiel im Büro. Was können wir in solch einem Fall machen? Zuhören ist eine Geste der Empathie aber auch die hat am Arbeitsplatz ihre Grenzen. Diese müssen Sie auch respektvoll aufzeigen, damit Sie selbst nicht in Schwierigkeiten kommen. Grenzen aufzuzeigen ist nicht gerade einfach in Kulturen, in denen Emotionen auch am Arbeitsplatz sehr wichtig sind (caldura umana). Vielleicht bieten Sie der Person an, das Gespräch später an anderem Ort ausserhalb der Arbeitszeit fortzusetzen, wenn Sie es wirklich wollen.

2. Vor wenigen Wochen nahm ich an einer Verantstaltung in Bukarest teil, auf der es auch eine Podiumsdiskussion gab. Zum Schluss wurden Fragen aus dem Publikum zugelassen. Jemand ergriff das Wort, wollte aber keine Frage stellen, sondern seinen Standpunkt mit vielen ausschweifenden Worten erläutern. Nach kurzer Zeit wurde es im Saal unruhig aber keiner der Moderatoren traute sich, diesem Redeschwall ein Ende zu bereiten. Dieser Typ Geschichtenerzähler tut dies eigentlich nur, um sein eigenes Ego zu bedienen. Dabei sind viele Details wichtig, weil er dadurch seine Kompetenz unter Beweis stellen kann. Es handelt sich bei solch einem Verhalten nicht um einen konstruktiven Beitrag, sondern um die Zurschaustellung der eigenen Persönlichkeit. Diese Menschen müssen Sie höflich in die Schranken verweisen, denn es gibt Spielregeln, die es zu respektieren gilt. In unserem Fall sind nur kurze Fragen erlaubt, damit auch andere Gelegenheit haben, Fragen zu stellen. Als ich vor fast zwei Jahrzehnten in Frankreich bei einem Fernsehsender beschäftigt war, gab es auf einer Veranstaltung einen älteren Herrn, der gerne über die deutsch-französischen Freundschaft redete. Er steigerte sich jedoch so sehr in seine eigene Euphorie hinein, dass er nicht mehr aufhören konnte und es schon lächerlich wirkte; es gab nur noch eine Notlösung: vorzeitig das Klatschen zu beginnen, um ihm zu signalisieren, dass es genug ist.

3. Es gibt aber auch Leute, die immer wieder die gleiche Geschichte erzählen und das nicht einmal mehr merken. Oftmals beklagen sie sich oder wiederholen Schuldzuweisungen an Mitarbeiter, den Chef oder den Staat. Ich habe vor einigen Jahren in einem Buch gelesen, dass es wohl einen afrikanischen Stamm gibt, in dem die Stammesältesten ihren Mitgliedern erlauben, auf Versammlungen ihre Probleme vorzutragen mit einer Einschränkung: nach der zweiten Wiederholung der gleichen Geschichte wird nicht mehr zugehört. Ich finde das eine ganz gute Regel. Wenn Ihnen so eine Situation im Büro begegnet versuchen Sie, den Kollegen auf die Wiederholungen aufmerksam zu machen und seine Aufmerksamkeit auf Lösungen und praktische nächste Schritte zu lenken. Sie werden überrascht sein, wie er reagiert. Vielleicht helfen Sie ihm sogar, aus einer destruktiven Gedankenschleife herauszukommen.

4. Manche Mitarbeiter gehen gerne in den Erzählmodus, weil sie sich nicht so sicher mit der Thematik fühlen. Sie haben auch noch nicht gelernt, herauszufiltern, was eigentlich wirklich wichtig ist und was nicht. Ein Detail folgt dem anderen. Ich hatte einmal einen Mitarbeiter einer internationalen Firma in meinem Coachingbüro, der etwas für seinen Chef vorbereiten musste. Er legte mir alle 124 Punkte auf den Tisch und fing an, ein Thema nach dem anderen anzusprechen, bis ich ihn nach einigen Minuten unterbrach. Er war es nicht gewohnt, selbst zu überlegen, wie die Dinge zu prioritisieren sind und was der Chef wirklich braucht bzw. verarbeiten kann. Also achten Sie darauf, wenn Mitarbeiter viele Details erzählen, helfen Sie ihnen dabei, Vertrauen in sich selbst zu entwickeln. Mitarbeiter können von Ihnen lernen, das wesentliche eines Problems oder Sachverhalts schneller zu erfassen.

Das storytelling hat manchmal auch etwas gutes. Schon als Kinder sind wir mit Geschichten, Märchen und Erzählungen gross geworden. Wir hören auch als Erwachsene noch gerne zu, wenn es um spannende, authentische und uns menschlich berührende Geschichten geht. Schauen Sie nur in die Medien: Filme, Bücher oder Zeitschriften sind voll davon. Auch Unternehmenschefs und Gründer erzählen Geschichten, die teilweise ein Unternehmen über mehrere Generationen nachhaltig prägen. Das nennen wir dann Tradition, Vision, Mission Statement, Werte, etc. Ich glaube, wir brauchen als Mensch einen Bezugsrahmen, Wurzeln, ein gewisses Vertrauen in die Zukunft, Werte, Kontinuität, also etwas, an das wir glauben und mit dem wir uns identifizieren können. Jede Gemeinschaft hat solche Geschichten, egal, ob es ein Land, eine Religion, eine Firma oder eine Familie ist.

Michael.Schroeder@linarson.com

Romania
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