Wie finde ich meine Berufung im Job?

Cum imi gasesc vocatia la job
Foto: Iakov/ Depositphotos.com

Wir haben in den vorangegangenen Beiträgen viel über innere Prozesse gesprochen, darüber, wie wir denken, welche Muster uns prägen und dass wir im Laufe unseres Lebens eine ganze Menge Glaubenssätze sammeln, die uns oft stark einschränken. Sie haben vielleicht auf Ihrer Spielwiese einige Ihrer Lieblingsrollen entdeckt. Wenn Sie die im letzten Artikel beschriebenen Übungen anwenden, werden Sie überdies zunehmend Distanz zu den Spielen gewinnen, die Sie in Ihrem Unternehmen tagtäglich spielen. Wenn Sie anfangen bewusst zu werden, Ihr Ego zu beobachten und sich von limitierenden Denkmustern verabschieden, beginnt eine neue Phase in Ihrem Leben. Sie werden Ihre eigenen Fähigkeiten und Neigungen besser erkennen. Manchmal dauert es Jahre, bis wir erkennen, was wir eigentlich wirklich gut können oder was uns Spass macht.

Was mache ich eigentlich gerne? Wofür bin ich bereit, alles zu tun? Wofür loben mich andere Menschen? Wobei spüre ich Begeisterung? Bei welcher Tätigkeit kann ich manchmal die Zeit vergessen? Was gelingt mir leicht und schnell? Wovon träume ich manchmal? Was gibt meinem Leben einen wirklichen Sinn? Denken Sie einmal über diese Fragen in Ruhe nach, schrei­ben Sie sich auch einige Dinge auf; vielleicht meldet sich sogar Ihre innere Stimme, die nichts mit dem Verstand und Logik zu tun hat; hören Sie einfach mal zu, was sie Ihnen zu sagen hat und bringen Sie sie nicht gleich zum Schweigen. Ist es nicht interessant, dass wir für derart wesentliche Fragen unseres Lebens kaum Zeit aufwenden, zu schnell sind wir wieder mit unserem Karrieredenken, unseren Mustern, Bedürfnissen und materiellen Fragen beschäftigt.

Unsere Fähigkeiten sind wie Geschenke, die wir in diese Welt mitbekommen haben. Aber wie viele Menschen leben wirklich ihre Berufung, sind also in ihrem Leben wirklich erfüllt? Viele Menschen leben unbewusst, sie gehen einer Tätigkeit nach, aber es ist eben nicht der Job, der sie wirklich glücklich macht. Ich schaue mir regelmäßig die Ergebnisse der Gallup-Studie an, die sich europaweit der Untersuchung der Arbeitsplatzzufriedenheit der Angestellten widmet. In den letzten Jahren ist in Europa der Anteil derjenigen, die sich gedanklich schon von ihrer Firma verabschiedet haben, in etwa konstant geblieben und liegt bei 15 Prozent der Befragten, 70 Prozent machen nur „Dienst nach Vorschrift“, ohne sich allzu sehr über das Gedanken zu machen, was sie tagtäglich tun. Nur ca. 15 Prozent sind mit ihrer Arbeit glücklich. In der Tat ist es unsere Lebensaufgabe, unsere Neigungen zu entdecken und dann auch zu nutzen. In den vielen Gesprächen, die ich mit Topmanagern in meinem Büro führe, fiel mir auf, wieviel von Ihnen eigentlich nur „funktionieren“, also nicht Ihre Berufung leben. Die meisten trauen sich gar nicht erst danach zu fragen, was sie eigentlich wirklich im tiefsten Inneren für sich wünschen. Wenn Sie einmal wissen, was in Ihnen steckt, dann leben Sie! Wie viele Menschen haben jedoch aufgegeben und sich in gewisser Weise der Routine oder dem Trott geopfert? Sie sind innerlich schon fast tot. In dem kürzlich wiederentdeckten Text des „Thomas-Evangeliums“ heißt es im Vers 70: „If you bring forth what is within you, what you bring forth will save you. If you do not bring forth what is within you, what you do not bring forth will destroy you.” Was ist die innere Flamme, der Sie vielleicht schon lange nicht mehr Ihre Aufmerksamkeit geschenkt oder die Sie überhaupt noch nie entzündet haben? Halten Sie es überhaupt für möglich, dass es so etwas wie eine persönliche Berufung überhaupt gibt? Trauen Sie sich auch, diese Berufung zu leben oder haben Sie eher Angst vor Konsequenzen, etwa nicht genug Geld zu verdienen? Wollten Sie nicht immer schon einmal dieses oder jenes tun, selbst mal Chef sein, eine eigene Firma aufbauen oder sogar in einem fernen Land ihr Glück versuchen? Ich habe für Sie einige Aussagen und Fragen zusammengestellt, die schon vielen Menschen in meinen Coachings bei der Suche nach ihrer Berufung geholfen haben. Lesen Sie diese Aussagen einmal ganz in Ruhe durch:

Hatten Sie schon einmal ein Schlüsselerlebnis, in dem Sie auf einmal spontan fühlten oder sogar wussten, was Ihr Weg ist?

Gehen Sie immer den Dingen nach, die Ihnen die größte Begeisterung verschaffen, während sich alles andere daraus ergibt?

Wenn Sie auf Ihr Leben zurückschauen, welche Dinge haben Sie mit Leidenschaft gemacht? Worin sind Sie so sehr eingetaucht, dass Sie die Zeit vergessen haben? Manchmal müssen wir uns erst selbst vergessen, um uns verwirklichen zu können.

Wenn Ihnen bestimmte Dinge besonders einfach von der Hand gehen, suchen Sie dann in dieser Richtung weiter.

Hören Sie manchmal Ihre innere Stimme, die Ihnen sagt: „Ja, das ist es!“

Kennen Sie Situationen, in denen Sie sich selbst nicht mehr verraten müssen? Dann fühlt es sich richtig an!

Gibt es Dinge, die Sie so sehr beflügeln, dass es Sie nicht mehr loslässt? Dann sind Sie auf dem guten Weg.

Sehr oft brauchen wir aber gerade die entgegengesetzte Erfahrung, damit wir den richtigen Weg finden, also Dinge, die wir überhaupt nicht wollen oder die uns unglücklich machen wie eine vergiftete Arbeitsatmosphäre, destruktive Spiele oder fehlende Entwicklungsmöglichkeiten am Arbeitsplatz. Ist der Leidensdruck gross genug, nehmen wir schneller Kurskorrekturen in unserer Komfortzone vor. Interessanterweise stellen sich gerade ältere Manager über 40 Fragen nach ihrer Berufung. Sie haben bereits etwas erreicht und erkennen nun, dass eine bestimmte Position oder ein bestimmtes Gehalt nicht unbedingt glücklich machen.

Erlauben Sie sich, die Frage nach der eigenen Berufung zu stellen. Seien Sie mutig, Sie tun sich und anderen damit einen großen Gefallen. Schauen Sie sich ruhig auch Ihre Ängste an, die damit verbunden sind aber lassen Sie sich von ihnen nicht leiten. Seien Sie mutig, es wäre schade, wenn Sie am Ende Ihres Lebens rückblickend etwas bereuen müßten. Auf einer Amerikareise habe ich folgenden Spruch auf einer Wand gelesen: „You may be disappointed if you fail, but you are doomed if you don’t try“. Jemand, der seinen Träumen folgt, egal ob sich Hindernisse in den Weg stellen, ist durchweg ein zufriedenerer und erfüllter Mensch. Genau davon brauchen wir mehr in unserer Welt, egal in welchem Land oder politischen System wir leben.

Kurzlebenslauf

Dr. Michael Schroeder, Jahrgang 1963, hat in Münster sowie Paris Wirtschaftswissenschaften studiert und in Saarbrücken über internationale Medien promoviert. Fast zwei Jahrzehnte lang arbeitete er für internationale Unternehmen, zuletzt als Geschäftsführer für Burda Romania. Ende 2009 verließ er die „corporate world“ und widmet sich seither seiner eigentlichen Berufung: 2011 gründete er seine Agentur ­Linarson und begleitet als Coach Topmanager auf deren beruflichen und privaten Entwicklungswegen. Das von ihm initiierte Programm zur „Persönlichen Meisterschaft“ verbindet klassische Unternehmensberatung mit transformierendem Persönlichkeitscoaching. Die außergewöhnliche Kombination bietet er nicht nur in der Einzelarbeit an, sondern auch als Praxismodul in Seminaren, speziell für Manager.

von Dr. Michael Schroeder

Romania
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