Wie gut haben Sie sich selbst „im Griff“?

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Wenn sich Kollegen im Büro treffen, haben wir es nicht nur mit Funktionsträgern zu tun, wie der Chef oder der Mitarbeiter; es geht auch nicht nur um den Austausch von Fakten, Gott sei Dank sind wir noch keine Computer. Das wäre natürlich viel einfacher und würde Missverständnisse vermeiden.

Es geht um viel mehr: im Grunde treffen sich zwei Gefühls- und Egowelten, die nun miteinander zu tun haben und etwas gemeinsam machen sollen. Das gilt im übrigen auch für unser Privatleben. Wir lernen in unserem Leben so allerlei, aber leider nur sehr wenig über unser geistig-emotionales Innenleben. Wenn wir etwas gelernt haben, dann ist es die (oberflächliche) Einsicht, dass man alles unter Kontrolle bringen kann, auch die Gefühle. Unternehmen erfinden ein eigenes Vokabular so wie Budgets, Planungen, KPI`s (Key Performance Indicators). Wir wollen Kontrolle über unser Handeln erlangen, dann sind wir beruhigt, der Eigentümer oder die Aktionäre auch. Aber eigentlich wissen wir tief in uns schon, dass dieses Spiel der Kontrolle nur eine Illusion ist. Spätestens dann, wenn die erste Lebenskrise kommt, sei es privat, beruflich oder gesundheitlich, erkennen wir, dass wir unser Haus auf Sand gebaut haben.

Selbstverständlich können wir das Spiel Kontrolle nicht völlig aufgeben, wir müssen es auch nicht. Erlauben wir uns stattdessen, uns selbst mehr in den Fokus zu rücken. Da gibt es eine ganze Menge zu entdecken und wenn Sie sich einmal auf die Reise gemacht haben, ist das der interessanteste Film den Sie je gesehen haben; ins Kino zu gehen, hat dann kaum noch einen Reiz. Hinterfragen Sie sich doch einmal, warum Sie so sind, wie Sie sind. Lassen Sie die übliche und sehr beliebte Phrase: „ich bin so wie ich bin, da kann ich nichts machen“ einfach fallen. Entdecken Sie, was Sie eigentlich im Leben steuert, woran Sie glauben. Fühlen Sie hinein in sich, inwieweit Ihre tief liegenden Glaubenssätze Ihr Handeln bestimmen, ohne Sie um Erlaubnis zu fragen. Was will Ihre selbst konstruierte Illusion – ich meine Ihr Ego – so alles erreichen? Wen wollen Sie kopieren? Was stellen Ihre Gefühle mit Ihnen an und woher kommen Sie? Oft höre ich in meinem Büro von Managern, die ihr temperamentvolles und impulsives Verhalten mit Ihrer Nationalität erklären: „Ce pot sa fac, noi suntem asa“. Auch das lässt sich anschauen, beobachten und als Konditionierung entlarven, wenn Sie es nur wollen.

Hinter Gefühlen stecken Bedürfnisse, die sich nicht so einfach wegdrücken lassen. Gefühle sind auch nicht schlimm, sie wollen nur angeschaut werden. Ich habe noch in meiner Kindheit gelernt, dass ein Mann nicht weinen soll: „Reiß Dich zusammen!“ Da haben wir wieder die Kontrolle. Dabei ist dieses Zusammenreißen auf Dauer schädlich und entfremdet uns von uns selbst. Oder nehmen Sie Gefühle im Rahmen von gelerntem Verhalten in Familie und Gesellschaft; hier möchte ich nur beispielhaft auf die Archetypen der Drama Queen oder des Opfers hinweisen, die viele von uns unbewusst spielen. All das können Sie sich in Ruhe anschauen, ohne irgend etwas zu bewerten oder zu verurteilen.

Die Rede ist hier von Selbstbeobachtung, die, wenn Sie richtig angewendet wird, Ihnen zu tieferen Erkenntnissen über sich selbst verhilft und Sie zu einem wirklich freieren Menschen macht, der nicht mehr mechanisch auf Reize wie der Hund im Pavlov-Experiment reagiert. Sie lernen die Funktionsweise Ihrer eigenen Software kennen und stellen fest, dass Sie in Ihrem Verhalten auf einmal Wahlmöglichkeiten haben. Der berühmte Spieltheoretiker Nigel Howard hat dies Axiom der Wahl bezeichnet: „Someone who becomes aware about a pattern that determines his behavior, is no longer submitted to it. He is now free to go beyond it.“ Wenn Sie das verstanden haben, wollen Sie ihre eigenen alte bekannten und zumeist limitierenden Spiele nicht mehr spielen, das verspreche ich Ihnen.

Wie Sie sicher schon erahnen, geht es bei alledem nicht um Kontrolle im klassischen Sinne sondern um weisere Entscheidungen, die Sie aufgrund von Selbsterkenntnis treffen. Diese innere Freiheit macht Sie bewusster, ja Sie interagieren mit Ihrem Gegenüber von nun an anders. Daraus entwickelt sich emotio­nale Intelligenz. Die Qualität Ihrer Beziehungen im Büro und generell in Ihrem Leben verändert sich. Sie gehen mit eigenen Gefühlen und denen der anderen bewusster um und lernen dadurch, all dies in eine reifere Persönlichkeit zu integrieren.

Ist der hier kurz skizzierte Weg der Selbstbeobachtung etwas für jedermann? Er steht jedem offen, der aufgeschlossen ist und sich für sein Innenleben und das der anderen Menschen wirklich interessiert. Gehören Sie dazu?

Dr. Michael Schroeder

Selgrosrot
Romania
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