Wie höre ich richtig zu?

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Als Manager verbringen wir viel Zeit in Sitzungen. Da wird gesprochen, gestritten und verhandelt. Auch in Einzelgesprächen mit Mitarbeitern reden wir oder hören zu. Kommunikation ist schliesslich auch ein wesentlicher Teil unseres Lebens. Beschäftigen wir uns heute einmal mit dem Zuhören. Das klingt ganz trivial, mögen Sie denken. Aber ist es das wirklich? Zuhören bedeutet, dem volle Aufmerksamkeit zu schenken, was andere Menschen sagen.

Fast immer ist es so, dass wir während des Zuhörens oder sogar schon davor unsere Reaktion vorbereiten oder vorbereitet haben. Mit anderen Worten, wir sind in dem Moment, wo die Worte unseres Gesprächspartners an unser Ohr dringen, gar nicht so richtig aufnahmebereit, weil wir uns auf das konzentrieren, was wir selbst sagen wollen oder denken. Oftmals kommt es auch vor, dass wir das Gehörte mit der Person verbinden, die etwas sagt. Die Person ist vielleicht schon in unserem Kopf kategorisiert als ein scheinbar unfähiger Mitarbeiter oder als eine zu emotionale Ehefrau; alles was aus diesen Mündern kommt, nehmen wir dann nicht mehr objektiv wahr, wir sind schon voreingenommen. „Ich weiss doch schon, was kommt”, hören wir uns selbst sagen. Vieles geht uns auf diese Weise in der Kommunikation verloren.

Anscheinend ist auch wohl so, dass unsere Augen eine wesentliche Rolle beim Zuhören spielen. Die Augen stellen automatisch eine Beziehung zum Gesprächspartner her, sie dienen uns als permanente Informationsquelle über den anderen. Sie helfen uns, uns selbst mit unserem Ego permanent gegenüber anderen zu positionieren. Interessant wird es dann, wenn wir in einem völlig neuen Kontext zuhören, nämlich ohne sehen zu können. In den letzten Monaten habe ich in einigen Workshops bei Feedbackgesprächen Augenbinden eingesetzt. Die Kollegen konnten sich also nicht sehen, aber die Anwesenheit des anderen spüren, man saß sich unmittelbar gegenüber. Die Ergebnisse waren erstaunlich: alle Beteiligten spürten eine andere Qualität des Gesprächs, man liess sich ausreden, man war mit den Gedanken im Gespräch; auch die Worte wurden viel bedächtiger gewählt und es gab überhaupt kein dominantes Ego. Selbst Teilnehmer mit sehr lauter Stimme wirkten viel “weicher” und stellten sich auf den Gesprächspartner ein. Es herrschte eine viel harmonischere Grundstimmung. Probieren Sie die Wirkung der Augenbinden doch einmal aus, vielleicht auch zuerst zuhause mit Ihrem Partner.

Zuhören bedeutet vor allem eins: in diesem Moment voll und ganz präsent, also voll und ganz in der Gegenwart zu sein. Das geht am besten, wenn wir nicht mehr in unsere Gedanken, Konzepte und Urteile verstrickt sind. Sie werden sehen, dass sich dann Ihre Fähigkeit zu hören und zu sprechen verändert. Am besten gelangen Sie auf diesen Weg, in dem Sie sich vor jedem Gespräch oder jeder Sitzung im wahrsten Sinne des Wortes „innerlich leer” machen. Das gilt vor allem vor schwierigen Terminen. Was bedeutet das? Gehen Sie einige Momente in die Stille, vielleicht können Sie sich auch in Ihr Büro zurückziehen, atmen Sie ruhig durch und schliessen Sie die Augen. Stellen Sie sich vor, dass Sie mit jedem Atemzug immer tiefer in Ihre eigene Stille eintauchen. Lassen Sie alle Konzepte und kommende Gedanken einfach nur da sein, ohne ihnen Bedeutung beizumessen. Energy flows where attention goes. Bleiben Sie einfach bei sich; wenn Ihnen das schwer fällt, bleiben Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit einfach bei Ihrem Atem, beobachten Sie ihn, sonst nichts.

„Aber was bleibt denn dann, wenn ich alles abstreife?” werden Sie vielleicht fragen. Keine Angst, keiner wird Ihnen Ihre Gedanken wegnehmen. Es ist allerdings wohl so, dass gerade zu viele Gedanken oftmals Lösungen und Erkenntnisse blockieren, die höhere Weisheit in Form von Eingebungen oder Intuition kann sich dann nicht entfalten, sie verschwindet in Ihrem selbstkonstruierten Gedankennebel. Sich “innerlich leer” zu machen bedeutet eigentlich nur, mit all Ihren Sinnen aufnahmebereit zu sein für die Situation, in der Sie gerade sind, ohne zu urteilen. Sie sehen, das Zuhören bekommt hier eine ganz andere Qualität. Dies erlaubt Ihnen dann, die richtigen Signale zu empfangen für das, was jetzt gerade ansteht. Diesen Prozess kann man logisch nicht vorbereiten, alles entwickelt sich aus dem Moment heraus.

Lassen Sie sich doch einfach einmal auf dieses Experiment ein. Achten Sie in einem ersten Schritt in den nächsten Tagen darauf, wie Sie persönlich zuhören. Beobachten Sie sich und vor allem Ihre inneren Prozesse, die gleichzeitig ablaufen. Dabei brauchen Sie nicht zu werten, nehmen Sie einfach wahr, was geschieht. In einem zweiten Schritt machen Sie sich so oft es geht einfach „innerlich leer”, bevor wichtige Gespräche stattfinden. Sie werden sehen, dass Sie nicht nur viel ruhiger werden, sondern auch bessere Entscheidungen treffen. Sie arbeiten mehr und mehr mit einer höheren Weisheit zusammen.

Michael.Schroeder@linarson.com

Romania
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