Wissen ist Geld

Kleinanleger leben in schwierigen Zeiten. Banken zahlen auf Sparkonten fast keine Zinsen mehr, weil Zentralbanken die Märkte mit Geld überschwemmen. Und Finanzmärkte sind vor dem Hintergrund politischer Krisen – Migrationskrise, Brexit, Türkei-Putsch usw. – volatil. Gute Anlagemöglichkeiten sind deshalb selten. Und so ist auch zu verstehen, warum die jüngste Ausgabe rumänischer Staatsanleihen bei den Bürger sehr beliebt war. Die Idee im Finanzministerium war, das Jubiläum der Großen Vereinigung von 1918 auch im Geldbeutel spürbar zu machen – mit Staatsanleihen, fest verzinst mit 2,15 Prozent im Jahr und einer Laufzeit von zwei Jahren. Es wurde ein Riesenerfolg.

Schon vor einem Jahr hatte das Finanzministerium versucht, Staatsanleihen von 100 Millionen Lei an die Bevölkerung zu verkaufen, doch das Interesse hielt sich damals in Grenzen: Rund 1200 Kleininvestoren kauften 65 Prozent des ausgeschriebenen Betrags. In diesem Jahr strömten allein an den ersten zwei Tagen nach Beginn der Aktion dreimal so viele Bürger an die Schalter der am Verkauf beteiligten Banken wie in der gesamten Zeichnungsfrist von 2015. Und bei Redaktionsschluss hatten rund 8000 Menschen Anleihen im Wert von 280 Millionen Lei gezeichnet. Das Finanzministerium teilte mit, dass es den ausgeschriebenen Betrag an die Nachfrage anpassen werde.

Ausschlaggebend für die Erfolgsgeschichte in diesem Jahr waren die Konditionen der Ausschreibung. Vor einem Jahr lag der Wert einer Anleihe bei 1000 Lei, diesmal senkte das Finanzministerium den Wert auf 100 Lei. Noch wichtiger dürfte aber die Verzinsung gewesen sein – in 2015 musste der Anleger seinen Idealgewinn in der Marge von 1,75 – 2,15 Prozent angeben, die effektive Verzinsung würde dann nach Ablauf der Zeichnungsfrist feststehen. Aber die Anleihen sollten nur an diejenigen Investoren verkauft werden, die sich für eine Verzinsung gleich oder unter der vom Finanzministerium berechneten Schwelle entschieden hatten. Dieses System einer auf Nachfrage und Angebot basierenden Kalkulation mag zwar vielleicht nicht unüblich für den Kapitalmarkt sein, aber für Nichtspezialisten war er schwer nachvollziehbar und wirkte entmutigend; in diesem Jahr war die Festverzinsung für die Kleinsparer dafür übersichtlicher.

Das Finanzministerium hat offenbar aus seinen eigenen Fehlern gelernt – man darf die Finanzkenntnisse der Bürger einfach nicht überschätzen. Das gilt generell, in Rumänien aber um so mehr. Denn hier scheinen die Menschen besonders unwissend in finanziellen Angelegenheiten zu sein. Die Anlagetochter der BCR-Erste Bank, Erste Asset Management, wollte herausfinden, wie gut rumänische Verbraucher über Anlagefonds Bescheid wissen und fragte über 750 Personen (70 Prozent von ihnen im Alter zwischen 30 und 49 Jahren), was sie mit 100 Tausend Euro tun würden, wenn sie diesen Betrag plötzlich zur Verf?gung hätten. Das Ergebnis der Befragung legte die Erste Asset Management im Juli vor. Demnach würden 1,5 Prozent der Rumänen ihr Geld in Anlagefonds investieren. Im Schnitt sind es in Europa 30 Prozent, in Schweden sogar 75 Prozent. Anlagefonds rangieren dabei in Rumänien an letzter Stelle unter den möglichen Verwendungszwecken. Stattdessen würden Rumänen eher in die eigene Firma investieren (15,5%), reisen (15,1%), ein Haus kaufen (11,5%), Kredite zurückzahlen (5,4%), das Geld auf ein Konto legen (5,2%), ein Grundstück (4,9%) oder ein Auto (3%) kaufen. Interessant ist, dass mehr Leute ihr Geld verschenken würden (3,9%) als in Anlagefonds zu investieren.

Dabei sitzen Leute, die Anlagefonds scheuen, durchaus Mythen auf, sagte Dragos Neacsu, Geschäftsführer der Erste Asset Management – sie glauben, nicht genug Geld für Investitionen zu haben und denken, dass sie dafür 1000 bis 100 Tausend Euro brauchen. In Wirklichkeit gibt es Kunden, die schon ab 100 Euro investieren, so Neacsu, und eine knappe Hälfte der Befragten hat Sparkonten, die älter als drei Jahre sind.

Aber Menschen in Rumänien haben nicht nur über raffinierte Produkte keine blasse Ahnung, sie tun sich mit den elementarsten finanziellen Dingen schwer – und zwar am schwersten von allen Europäern. Nur 22 Prozent der rumänischen B?rger gelten als finanziell kompetent, ermittelte letztes Jahr eine Umfrage von Gallup im Auftrag der Ratingagentur Standard and Poor’s. Der europäische Durchschnitt liegt bei 52 Prozent, die am besten informierten Europäer sind in Dänemark, Norwegen und Schweden (jeweils 71 Prozent), Großbritannien (67 Prozent), den Niederlanden und Deutschland (jeweils 66 Prozent) zu finden.

Die Financial Literacy Erhebung fragte nicht den Wissensstand über komplizierte Operationen am Kapitalmarkt, sondern über ganz alltägliche Dinge, zB:

Risikostreuung: Ist es sicherer, Geld in einen einzigen Topf zu investieren, oder ist es besser, die Investition über mehrere Töpfe zu verteilen?

Inflation: Angenommen, dass sich die Preise für Dinge, die Sie kaufen, in den nächsten zehn Jahren verdoppeln. Wenn sich auch Ihr Einkommen verdoppelt, können Sie dann weniger, genauso viel oder mehr damit kaufen als heute?

Zinsen: Sie brauchen 100 Euro. Welche Kreditkosten sind geringer: 105 Euro oder 100 Euro plus 3 Prozent?

Zinseszins: Sie legen Ihr Geld für zwei Jahre bei der Bank an, und bekommen pro Jahr 15 Prozent Zinsen. Zahlt die Bank im zweiten Jahr mehr an Zinsen oder genauso viel wie im ersten Jahr? Zusatzfrage: Sie haben ein Konto mit 100 Euro und die Bank zahlt jährlich 10 Prozent Zinsen. Wie viel Geld haben Sie nach fünf Jahren am Konto – mehr als 150 Euro, weniger als 150 Euro, oder genau 150 Euro?

Trotz aller Einfachheit konnte nur etwas mehr als einer von fünf Rumänen auf Fragen in drei von vier Themenbereichen eine richtige Antwort geben. Kaum wunderlich, wenn man bedenkt dass Bankdienstleistungen in Rumänien noch in den Kinderschuhen stecken. In 2014 hatten nach Statistik der Weltbank (Global Findex) nur rund 60 von Hundert Rumänen im Alter von über 15 Jahren ein Bankkonto (zum Vergleich: Österreich 97, Deutschland 99 Prozent), eine Geldkarte besaßen 45 Prozent (Österreich 82, Deutschland 92 Prozent).

Bei der rumänischen Zentralbank BNR, einem der wichtigsten Akteure auf dem Feld der finanziellen Aufklärungsarbeit, herrscht über diese Zustände weitgehend Klarheit. Deshalb fördert sie seit mehreren Jahren konsequent Bildungsmaßnahmen. Ihre Experten arbeiten an der einschlägigen Curricula für die rumänischen Schulen und Kindergärten. Seit über drei Jahren wird für Grundschüler das Wahlfach finanzielle Erziehung angeboten – und es ist das populärste von allen. Ligia Georgescu Golosoiu, die auf dem Gebiet führende BNR-Expertin und Lehrbuchautorin, sagte dem rumänischen Rundfunk, dass sich im ersten Jahr etwa 15 Tausend Schüler für das Fach entschieden, während nur ein Jahr später 46 Tausend Schüler am Unterricht beteiligt waren und sich in diesem Jahr 57 Tausend interessierte Grundschüler meldeten – das sind etwa 10 Prozent aller Schüler in den Klassen, für die das Angebot gilt.

Inzwischen haben auch die Geschäftsbanken die Bedeutung der Aufklärungsarbeit erkannt und entwerfen Spiele und Informationsangebote für Kinder und Jugendliche. Dabei handeln die Banken auch im eigenen Interesse – denn aufgrund der Pflichten, auf die EU-Gesetzgeber, Verbraucherschützer und Gerichte immer mehr Wert legen, müssen die Kunden richtig aufgeklärt werden, bevor sie etwas unterschreiben. Für die Bank kann es dann durchaus teuer werden, wenn ein Kläger vor Gericht nachweisen kann, dass seine Naivität missbraucht wurde. Vor mehreren Jahren dachte BNR-Chefvolkswirt Valentin Lazea darüber nach, dass Kredite nur dann gewährt werden sollten, wenn der Antragsteller zumindest finanzielle Basiskenntnisse demonstriert – auch jemand ohne Führerschein habe nichts im Verkehr zu suchen, so seine Analogie.

Bürger, die in finanziellen Angelegenheiten gut Bescheid wissen, sind aber auch für Wirtschaft und Gesellschaft wichtig. In Rumänien liegen auf Sparkonten der Haushalte umgerechnet über 30 Milliarden Euro mit Zinsrenditen um rund ein Prozent. Am Kapitalmarkt, der durch die Entwicklung der Börse aber auch der Dividendenauszahlung höhere Gewinne abwirft, herrscht hingegen Dürre. Die Unwissenheit führt zu einem extrem konservativen Sparverhalten, an dem alle verlieren – Sparer und Unternehmen. Und überhaupt: Je besser die Wähler finanzielle und wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen, desto fundierter können sie ihre Stimme abgeben.

Allerdings schützt sogar Expertenwissen nicht vor negativen Erfahrungen. In die Falle von dubiosen Ponzi-Spielen tappen auch Experten, die es eigentlich besser wissen sollten. Die Gier im Vorfeld der großen Krise von 2008 f?hrte dazu, dass immer kompliziertere Derivatpapiere immer faulere Kredite versteckten, bis am Ende selbst die Köpfe hinter den Produkten nichts mehr verstanden und die Blase platzte. Emotion schlägt wohl immer Kognition.

Romania
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