Netz der Konflikte

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Das superschnelle Netz der fünften Generation soll die Welt verändern. Die Wachstumspotenziale sind selbst für eine kleinere Volkswirtschaft wie Rumänien eindrucksvoll: laut einer 2019 veröffentlichten 5G-Strategie würde die rumänische Wirtschaft durch die Umsetzung 4,7 Milliarden Euro gewinnen, und 250.000 neue Arbeitsplätze könnten direkt und indirekt entstehen. Doch weil nicht nur wirtschaftliche Interessen sondern auch Sicherheitsfragen im Vordergrund stehen, sorgt es vorerst bereits im Vorfeld für Konflikt zwischen staatlichen Akteuren.

In der Wirtschaft der Zukunft werden viel mehr Prozesse als heute automatisiert: Bestellungen werden von Robotern aufbereitet und von fahrerlosen Autos oder Drohnen ausgeliefert, über die Bewerbung für den neuen Arbeitsplatz entscheidet ein Computer, eine Software übernimmt die Diagnose und der Robo-Chirurg operiert aus der Ferne, der Bordcomputer übernimmt das lästige Fahren. Zukunftsphantasien aus Sci-Fi-Romanen rücken in greifbare Nähe.

Viele dieser Technologien existieren heute bereits, doch sie haben ein Problem – sie alle funktionieren auf der Basis von gewaltigen Datenmengen, die es zu übertragen und verarbeiten gilt. Doch während Prozessoren heute maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz zulassen, sieht es mit der Übertragung der Daten nicht ganz so gut aus.

Eines der besten Beispiele ist autonomes Fahren. Die Fahrzeuge sind mit einer Vielzahl von Sensoren ausgestattet, die fortlaufend Signale aus der Umwelt übernehmen, sie verarbeiten und daraus Entscheidungen ableiten. Solange das Auto nur mit Daten eigener Sensoren arbeitet, klappt es schon heute relativ gut, wie wir von Tesla oder Waymo (Google) kennen. Aber wenn Fahrzeuge untereinander riesige Datenmengen austauschen sollen, zum Beispiel um Manöver abzustimmen, stoßen sie schnell an ihre Grenzen. Dieses Problem soll nun das sogenannte 5G-Netz lösen, also das Netz der 5. Generation, das viel höhere Übertragungsgeschwindigkeiten von viel mehr Daten zulässt.

Doch das ist nicht so einfach. Das 5G-Netz arbeitet mit sehr hohen Frequenzen*. Je höher sie sind, desto höher auch die theoretisch möglichen Geschwindigkeiten und desto größer die Zahl der Geräte, die gleichzeitig in diesem Netz unterwegs sein können. So sollen bei 5G-Netzen, die Geschwindigkeiten um das Hundertfache wie heute machbar sein, und während im 4G-Netz einige Tausend Geräte pro Quadratkilometer Platz haben, sind es bei 5G sogar Millionen. Bei den Latenzzeiten – also der Dauer für einen vollen Datenpaketaustausch zwischen zwei Geräten – verzeichnet das 5G-Netz ebenfalls enorme Fortschritte gegenüber dem heutigen 4G Standard.

Je höher aber die Frequenz, desto geringer wird die Entfernung, auf der kommuniziert werden kann und auch die Signaldurchlässigkeit fester Stoffe ist dramatisch niedriger. Das bedeutet in der Praxis, dass die Betreiber diesmal aus viel kleinerer Zellen ein engmaschigeres Netz bauen müssen. Der Investitionsaufwand dafür ist dementsprechend extrem hoch.

Hohe Kosten entstehen auch, weil die Staaten ihrerseits gerne mitverdienen wollen. Das Frequenzspektrum gehört dem Staat, er kann es ausschreiben und daraus Geld machen. Die Erträge sind beachtenswert. So brachte die komplizierte und aufwändige Versteigerung von 13 Frequenzblöcken dem deutschen Staat schon 2019 nicht weniger als 6,55 Milliarden Euro von vier Bietern an. Auch der rumänische Staat wollte sich ein so lukratives Geschäft nicht entgehen lassen – und hätte das wohl auch nicht passieren lassen, wären seit einiger Zeit nicht auch andere Aspekte wichtig geworden, die bei den bisherigen Netzen eine eher untergeordnete Rolle spielten.

Das neue Schlüsselwort ist Datensicherheit. Denn wenn Daten – wie der Mathematiker Clive Humby in 2006 meinte – das neue Erdöl sind, dann sind die Verbindungen die neuen Pipelines. Wenn die Wirtschaft uns etwas lehrt, dann das: wer den Vertrieb – das Datennetz- steuert, kontrolliert das Produkt – also die Daten.

Weil viele (wenn nicht sogar die meisten) Telekom-Ausrüstungen chinesischer Herkunft sind -siehe Grafik – , befürchten inzwischen nicht nur die USA, dass die aufstrebende Macht China den Datenfluss kontrollieren und somit Einsicht in die weltweit Kommunikation bekommen könnte. Peking würde die Möglichkeit haben, Daten zu manipulieren und praktisch auf Knopfdruck Chaos zu stiften. An der vordersten Front gegen Peking kämpfen die USA, durchaus mit klaren Worten: „Die USA werden die Versuche der Kommunistischen Partei Chinas (…) die Integrität der weltweiten Netze nächster Generation zu untergraben, nicht tolerieren“, so eine Erklärung des US-Außenministers Mike Pompeo.

Die USA versuchen nun, ihre Verbündeten zu überzeugen, keine chinesische Technologie für den Aufbau der künftigen 5G-Netze zu nutzen. Nach einer Studie des Kooperativen Exzellenzzentrum für Cyber-Verteidigung (CCDCOE) bei der NATO, geht es dabei um Firmen wie Huawei, ZTE, Hytera Communications, Hangzhou Hikvision und Dahua Technology, aber Washington hat es besonders auf eine davon abgesehen: Huawei. Der Konzern stünde nach Ansicht von US-Verantwortlichen faktisch unter Kontrolle des chinesischen Staates, die von Huawei produzierte Technologie sei deshalb nicht sicher, weil sie Hintertüren enthalte, die auf Kommando der Machthaber aktiviert werden könnten. Peking kontert und erklärt, seine Technologie sei mehrmals geprüft und für in Ordnung befunden sein worden; den Amerikanern gehe es außerdem nur darum, Huawei den Marktzugang aus ökonomischen Interessen zu verbieten, um die eigenen Hersteller zu bevorzugen.

Rumänien sieht sich nun genötigt, einen komplizierten Seiltanz aufzuführen. Auf der einen Seite will es schnell und preiswert ein 5G-Netz aufbauen. Aber andererseits hat Präsident Klaus Iohannis hat 2019 bei seinem Besuch in den USA ein Memorandum unterschrieben, dass dem chinesischen Technologieriesen die Beteiligung am gewinnbringenden 5G-Geschäft nach Angaben vieler Experten praktisch unmöglich macht – ohne den Namen Huawei ausdrücklich zu erwähnen. Auf der Basis der im Mai gleichen Jahres auf der 5G-Sicherheitskonferenz (an der über 30 Länder beteiligt waren) in Prag verabschiedeten Erklärung, wollen die USA und Rumänien die Zulieferfirmen für die 5G-Netze einer strengen Prüfung unterziehen lassen. Es soll kontrolliert werden, ob die jeweilige Firma ohne Rechtsmittel unter Kontrolle der Regierung eines anderen Staates steht, ob sie eine transparente Aktionärsstruktur hat und ob zur Firma ein ethisches Geschäftsverhalten dokumentiert ist und sie unter einem Rechtssystem betrieben wird, das transparente Unternehmenspraktiken vorschreibt.

Das könnte für Huawei schwerlich zu bejahen sein. Der Konzern gehört zwar beispielsweise auf dem Papier der eigenen Belegschaft. Aber Christopher Balding von der Fulbright University Vietnam und Donald C. Clarke von der George Washington University Law School kommen in einer Studie vom April 2019 zum Schluss, dass Huawei zu 100% in Besitz einer Holding ist, die ihrerseits zu 1% dem Gründer Ren Zhengfei und zu 99% einer Entität gehört, die sich „Gewerkschaftskommittee“ der Holding nennt. Darüber hinaus sei alles unklar, aber selbst wenn man den Gewerkschaftsbesitz als echt ansieht, müsste Huawei effektiv als Unternehmen in Staatsbesitz betrachtet werden, so das Papier. Außerdem sei der Konzern in mutmaßliche Versuche von Technologiediebstahl bis hin zur Umgehung der Sanktionen gegen den Iran verstrickt, und eine Anklage ist 2020 in den USA bereits erhoben worden.

Selbst wenn das rumänisch-amerikanische Memorandum eher Grundsätze aufstellt, machen US-Verantwortliche keinen Hehl aus ihren Absichten. Der amerikanische Botschafter bei der EU, Gordon Sondland, sagte im September 2019, der Zweck des Memorandums sei, dass „Rumänien sozusagen Huawei-frei wird“.

Das umzusetzen fällt in der Praxis nicht leicht. Viele Stakeholder müssen sich noch zur rumänischen 5G-Gesetzesvorlage äußern, darunter das Außenministerium und der Wettbewerbsrat. Das Justizministerium beklagte sich vorerst, dass der Entwurf unklar sei. Was blühen kann, wenn nicht alles gut geplant ist, zeigt das Beispiel Schwedens: dort platzte eine für November geplante 5G-Frequenzversteigerung, nachdem ein Gericht in Stockholm eine Beschwerde Huaweis gegen den Marktausschluss annahm.

Huawei hat sich inzwischen in Rumänien auf eine Charm-Offensive begeben. George Zhang, Chef bei Huawei-Rumänien schmeichelt oft, dass die hiesige Tochter personalmäßig die zweitstärkste nach der in Deutschland ist und mehr als 2.000 Beschäftigte hier arbeiten. Die Firma gab andererseits zu verstehen, dass im Falle eines Marktausschlusses der Konzern womöglich nicht mehr wie geplant vier Milliarden Euro hier investieren und 6.000 Arbeitsplätze schaffen werde.

Außerdem sei der Aufbau eines Netzes in Rumänien – wie überall eigentlich – ohne Huawei deutlich teurer und würde auch mehr Zeit in Anspruch nehmen.

Doch es gibt Wege vorbei an Huawei, wenn auch unausgreifte. Die technologische, hauptsächlich Software-gestützte Alternative, auf die jetzt alle hoffnungsvoll schauen, heißt O-RAN: Open Radio Access Network. Sie könnte nicht nur Basisstationen von Huawei ersetzen, sondern auch die von anderen Herstellern.

* Die aktuellen Angebote von großen Betreibern in einigen Ländern sind für eine 5G-Kommunikation auf heute üblichen Frequenzen. «Echte», sogenannte Stand-Alone-5G-Netze sollen im Millimeterwellenbereich ab 24GHz arbeiten.

Alex Gröblacher

Romania
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