Wie offen ist unsere Kommunikationskultur in der Firma?

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In den letzten Jahren habe ich mit vielen unterschiedlichen Firmen, Top-Managern und Nationalitäten gearbeitet. Dabei ist mir aufgefallen, dass erfolgreiche Unternehmen fast immer auch eine offene Kommunikationskultur haben. Was meine ich damit? Schauen wir uns einfach im folgenden einige Beispiele an:

Beispiel 1: Ein Mitarbeiter beklagt sich mehrfach über das aggressive und respektlose Verhalten eines Kollegen in einer anderen Abteilung, mit dem er zusammen arbeiten muss. Er entschliesst sich nach erfolglosen Versuchen der Klärung direkt mit dem Kollegen und den Vorgesetzten die Firma zu verlassen.

Beispiel 2: Während des offiziellen Meetings von Abteilungsleitern wird wenig offen über die wirklichen Probleme gesprochen, erst während der Zigarettenpause erfährt man ein wenig darüber, was die Leute wirklich denken.

Beispiel 3: Ein Abteilungsleiter führt sein Team derart direktiv und dominant, dass kaum etwas neues entstehen kann, es sei denn, es kommt vom Chef selbst. Meinungen und Ideen der Kollegen werden nicht gewürdigt. Letztere werden zunehmend passiv und führen nur das aus, was der Chef sagt.

Beispiel 4: Entstehen Konflikte zwischen Mitarbeitern, werden diese sofort angesprochen und konstruktiv gelöst. Die Firma legt viel Wert auf die persönliche Reife der Mitarbeiter, die lernen, mit ihren Gefühlen besser umzugehen und mehr Bewusstsein dafür entwickeln, wie sie auf andere wirken.

Beispiel 5: Der Abteilungsleiter fördert das Einbringen von neuen Ideen bei den Kollegen und erfreut sich an der jeweils für alle Beteiligten besten Lösung, egal, ob sie von ihm oder jemand anderes kommt.

Beispiel 6: In einer sehr erfolgreichen Firma gibt es eine bewusst gelebte Fehlerkultur, in der Mitarbeiter sich auch mal irren dürfen, aber daraus auch lernen sollen. Die Atmosphäre ist entspannt nach dem Motto: „Wenn ein Stürmer im Fussball auch einmal neben das Tor schiessen darf, trifft er öfter”.

Diese kleinen Beispiele zeigen uns recht deutlich, wie wichtig der Umgang miteinander in der Firma wirklich ist. Es scheint wohl so zu sein, dass es in einigen Kulturen einen etwas raueren rustikalen Stil gibt als in anderen. Dann fällt es schwer, sich zuzuhören, die Argumente des anderen wirklich ernst zu nehmen. Wenn zu einem rauhen Ton noch ein grosses Ego, lautes Sprechen und Stolz dazukommen, wird es besonders schwer. Ich hatte einmal in einem Workshop mit einem Topmanager zu tun, der gar nicht merkte, wie laut und penetrant er sprach. Erst nach einer feed-back Übung mit einem Kollegen, bei der er eine Augenmaske trug, änderte sich sein Ton radikal. Gehen wir noch einen Schritt weiter, wie halten Sie es denn mit anderen Meinungen generell? Finden Sie das eine gute Idee, wenn sich Kollegen auch mal mit anderen Standpunkten aus der Deckung wagen? Wie ehrlich sind sie mit sich? In der rumänischen Sprache gibt es eine interessante Redewendung: „Capul plecat, sabia nu-l taie”, auf Deutsch: „Beuge den Kopf nach unten, dann kann Dich das Schwert nicht erreichen”. Ist das Verhalten vieler rumänischer Kollegen in den Firmen nicht immer noch ein wenig so? Bitte überprüfen Sie es einmal für sich und Ihr persönliches Umfeld.

Besonders aufschlussreich ist auch zu sehen, wie Menschen Konflikte untereinander lösen. Schaffen Sie es, sich das Problem anzuschauen, ohne aggressiv oder persönlich zu werden? Sind Konfliktparteien in der Lage zu erkennen, wie beide Seiten gewinnen können oder geht es nur um den Stärkeren, der sich behauptet? Haben Sie eine Kommunikationskultur, in der aus Konflikten gelernt werden kann?

Ich glaube, dass ein Grossteil der emotionalen Spannungen mit einer allgemeinen Unsicherheit über sich selbst und den Systemen zu tun hat, in denen wir arbeiten. Inwieweit kann ich mich auf meine Vorgesetzte wirklich verlassen? Wie nachhaltig sind deren Interessen und die der Firma wirklich oder werden wir morgen alle rausgeschmissen? Habe ich selbst im tiefen Inneren Angst, nicht gut genug oder bedroht zu sein? Diese Unsicherheit ist zuweilen bei Mitarbeitern deutlich zu spüren. So erinnere ich mich an eine Situation aus meiner Geschäftsführerzeit, in der ich wohl einmal mehrere Tage vergessen hatte, einen Mitarbeiter zu grüssen. Er hat sich daraus gleich eine eigene Realität konstruiert, dass ich ihn entlassen wollte.

Die Kommunikationskultur wird mehr und mehr zu einem zentralen Erfolgsfaktor. Offenheit, Respekt, persönliche Reife und emotionale Intelligenz sind hier ganz entscheidende Schlüsselbegriffe. Wenn sich Ihre Mitarbeiter in Ihrer Firma wohlfühlen, trauen sie sich mehr zu, auch wenn es darum geht, die eigene Meinung zu sagen, ja sogar mehr Verantwortung zu übernehmen. Das bringt das ganze Unternehmen nach vorne und erzeugt auch Stabilität.

Dr. Michael Schroeder

Romania
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